Alain Berset: Vielleicht diesmal ganz vorne
Eine Minute und 54 Sekunden sei seine Bestzeit über 800 Meter, gab der ehemalige Leichtathlet Alain Berset der NZZ zu Protokoll. Damit lief er den besten des Landes an den Schweizer Meisterschaften um einige Sekunden hinterher. Es reichte nicht ganz im Sport, trotz aller Leidenschaft.
Auch in der Politik erscheint der hochgewachsene Freiburger als Wettkampftyp. Und früh als Führerfigur. Mit 28 Jahren wird er in den Freiburger Verfassungsrat gewählt, übernimmt die Leitung der SP-Fraktion und schreckt vor einem Eclat nicht zurück, als es um die Wahl der Richter geht. Seine Gruppe verlässt unter Protest den Versammlungssaal, schaltet die Medien ein und setzt sich schliesslich gegen die bürgerliche Mehrheit durch.
Ständerat mit 31
Im Herbst 2003 folgt der nächste Coup. Alain Berset kandidiert als Ständerat, nach eigener Einschätzung ohne Chance. Aber Berset studiert die Dossiers, geht zu den Leuten, bestreitet Debatten. Er überflügelt im ersten Wahlgang einen altgedienten Parteikollegen und entthront im Ausstich den freisinnigen Amtsinhaber Jean-Claude Cornu.
Im «Stöckli» verschafft er sich rasch Respekt und Ansehen. Der Politikwissenschafter und Ökonom kenne seine Dossiers und sei umgänglich, heisst es quer durch alle Parteien. Ausdruck davon ist, dass Bersier 2009, nur fünf Jahre nach seinem Eintritt in den Ständerat das Gremium präsidieren durfte. Er sei heute praktisch Berufspolitiker, auch ausserhalb der Session mindestens an vier Tagen pro Woche damit beschäftigt, sagt der dreifache Familienvater.
Konsens und Ausgleich als Leitmotiv
Er habe in der Politik stets den gleichen Weg verfolgt, sagt Berset, als er Anfang Oktober vor den Medien seine Kandidatur begründete. Er suche den Dialog, er setze auf Zusammenarbeit, um einen Konsens oder wenigstens eine praktikable Lösung zu finden. Und: er wolle im Bundesrat eine Politik betreiben, die im Interesse des ganzen Landes sei.
Wie stellt er sich zur Konkordanz, zum Anspruch der SVP zweiten Sitz, er, der 2007 als einer der Strategen bei der Abwahl von Christoph Blocher genannt wurde? Man habe damals mit Eveline Widmer-Schlumpf eine SVP-Regierungsrätin gewählt, antwortete er der NZZ. Und fügt an, es brauche im Bundesrat Persönlichkeiten, die fähig seien, mehrheitsfähige Lösungen zu finden. (acct)
