Klimawandel: Weniger Wasser im Sommer
Albula-Pass: Die Schweiz muss künftig mit mehr Hoch- und Niedrigwasser-Perioden rechnen. (Keystone Archiv)
«Nach mir die Sintflut» ist immer noch mehrheitlich das Motto der Menschheit. Die Welt wirtschaftet seit Jahrzehnten über ihre Verhältnisse - obwohl der Zeiger der Umweltuhr auf 5 vor 12 steht: Wasser, Luft und Erde werden verschmutzt. Kann «Rio+20» eine Kehrtwende bringen? Mehr
Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) hat die Auswirkungen des Klimawandels im Rahmen des Projekts Klimaänderung und Hydrologie in der Schweiz (CCHydro) bis zum Jahr 2100 abklären lassen. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden nun in Bern vorgestellt.
Demnach wird sich das durchschnittliche jährliche Wasserangebot in den nächsten 20 Jahren nur wenig verändern. Eine Ausnahme stellen die stark vergletscherten Einzugsgebiete dar, in denen der Abfluss aufgrund der Eisschmelze vorübergehend zunehmen wird.
Abnehmende Eis- und Schneemassen
Langfristig werden die verfügbaren Wasserressourcen leicht abnehmen, weil sich die Lufttemperatur erhöht und deshalb die Schneefallgrenze steigt. Die in den Alpen gespeicherten Schnee- und Eismassen nehmen stark ab. So werde im Jahr 2100 nur noch 15 Prozent der Gletschermasse von heute vorhanden sein, wie Rolf Weingartner vom Geografischen Institut der Universität Bern gegenüber Schweizer Radio DRS erklärte.
Für den Wasserhaushalt sind jedoch weniger die Gletscher als vielmehr die Schneedecken von Bedeutung, so Weingartner weiter. Die Wissenschafter gehen davon aus, dass für den Zeitraum um 2035 mit einer Abnahme des maximalen Schneespeichers um 20 bis 50 Prozent zu rechnen ist. Bis zur Periode um 2085 rechnen sie mit einer Abnahme um 50 bis 60 Prozent.
Mehr Hoch- und Niedrigwasser
Die grössten Klimaänderungen werden im Sommer zu erwarten sein. Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts gehen sie von einer Temperaturzunahme um 4 Grad und einer Niederschlagsabnahme um bis zu 20 Prozent aus. Hitzewellen werden häufiger auftreten und länger andauern.
Zusammen mit der saisonalen Umverteilung des Niederschlags werden sich die Abflüsse verändern. Dadurch verschiebt oder verlängert sich in vielen Gebieten des Mittellandes die potenzielle Hochwasserzeit. Über die Häufigkeit von Starkniederschlägen, die Überschwemmungen zur Folge haben können, könne aber keine Voraussage gemacht werden, so Weingartner.
Die Niedrigwasser-Perioden werden ebenfalls länger andauern, die Abflüsse nehmen im Mittelland im Sommer deutlich ab. Dies gilt auch für grössere Flüsse. In den Alpen verschiebt sich die Niedrigwasserzeit vom Winter teilweise in den Spätsommer.
Konfliktpotenzial im Sommer
Ausgeprägtere Niedrigwasser und der gleichzeitig höhere Wasserbedarf während der wärmeren und trockeneren Sommer könnten in Zukunft ein Konfliktpotenzial unter den Nutzern bilden, so die Umweltwissenschaftler. Sie empfehlen deshalb eine Überprüfung der rechtlichen Regelungen betreffend Wasserentnahmen, Einleitung von Kühlwasser oder etwa Seenregulierung. Auch die Erschliessung nicht genutzter Wasservorkommen dürfte ein Thema werden.
Ebenfalls zu überprüfen sind die Hochwasserschutz-Massnahmen. Zudem sollte der Bedarf an zusätzlichen Speicherseen in den Alpen abgeklärt werden. Die Stromproduzenten werden von den Klimaänderungen anfänglich profitieren - solange die Gletscher abschmelzen. Später kann es aber Probleme geben, wenn im Sommer weniger Wasser aus den Alpen abfliesst.
Vom Bundesrat schon aufgegleist
Für Umweltministerin Doris Leuthard ist deshalb klar, dass sich die Schweiz frühzeitig auf diesen Wandel beim Abfluss des Wassers einstellen muss. Im Bafu sind Arbeiten im Gange, um den Wasserhaushalt über die Regionen hinaus, besser zu planen.
Denn je nach Landesgegend sind die Auswirkungen des Klimawandels sehr verschieden. Im Wallis etwa wird durch das Abschmelzen der Gletscher im Sommer in den nächsten Jahrzehnten noch genügend Wasser vorhanden sein. Danach wird im Sommer aber Wassermangel herrschen. Bis Ende 2013 soll deshalb ein Aktionsplan aus dem Bafu vorliegen.
Relativ geringe Probleme für die Schweiz
Umweltwissenschaftler Weingartner gibt sich überzeugt, dass die Schweiz den veränderten Wasserhaushalt in den Griff bekommen wird. Verglichen mit anderen Teilen der Erde habe die Schweiz relativ geringe Probleme in Folge der Klima-Erwärmung.
Zudem lassen sich diese mit der Technik lösen. Etwa mit zusätzlichen Staubecken in den Alpen oder indem man die Äcker im Mittelland in den immer trockeneren Sommermonaten gezielt bewässert. (pet/burc, sda)
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