Bin Ladens Tod hat al-Qaida geschwächt
Undatiertes Foto von Bin Laden. (Reuters Archiv)
Von Fredy Gsteiger, diplomatischer Korrespondent
Die Stimme von al-Qaida-Führer Osama Bin Laden gehörte zum festen Repertoire von Fernsehsendern. Doch die allerwenigsten dürften sie vermissen, seit sie vor einem Jahr verstummte.
Sawahiri kann Bin Laden nicht ersetzen
Für die USA, die Bin Laden nach langer Jagd in Pakistan stellten, ist sein Tod ein Triumph. Verteidigungsminister Leon Panetta sagte im TV-Sender NBC, man lebe nun ein wenig sicherer, weil der Terrorist Nummer Eins weg sei.
Tatsache ist vor allem, dass al-Qaida Bin Laden nicht wirklich ersetzen konnte. So sind sich die Antiterror-Experten im Weissen Haus sicher, dass der neue Chef der Terrororganisation, Ayman al-Zawahiri, kein Charisma hat und vor allem nicht die Biographie Bin Ladens.
Nigel Inkster, Ex-Vizechef des britischen Geheimdienstes MI-6 und heute Terrorismusexperte bei der Denkfabrik IISS, sagt sogar, al-Zawahiri sei innerhalb der al-Qaida höchst umstritten. Zudem verfüge er nicht über das strategische Denken von Bin Laden.
Rückhalt für al-Qaida schwindet
Dass das Terrornetzwerk heute als Organisation geschwächt ist, ist längst nicht nur auf das Ende Bin Ladens zurückzuführen. Inkster sagt, der Rückhalt in den muslimischen Ländern habe nachgelassen. So habe al-Qaida im Arabischen Frühling praktisch keine Rolle gespielt. Und nach Bin Ladens Tod kam es nicht einmal zu den befürchteten Racheakten in grosser Zahl.
Auch die Finanzierung sei schwieriger geworden. So fänden es potente Geldgeber in der Golfregion derzeit effektiver, die Taliban in Afghanistan zu unterstützen, statt al-Qaida, ist Inkster überzeugt.
Terrorbekämpfung macht Fortschritte
Hinzu kommt, dass die internationale Terrorbekämpfung Fortschritte machte. Rob Wainwright, der Chef von Europol in Den Haag, hält neue koordinierte Grossattentate wie jene von 9/11 für wenig wahrscheinlich. Zumal der neue al-Qaida-Chef, wie er selber sagt, eher auf Aktivitäten in den Stammlanden von al-Qaida setzt und weniger auf eine islamische Weltrevolte wie sein Vorgänger Bin Laden.
Dennoch sei die Terrorgefahr weiterhin hoch, warnt Europol-Chef Wainwright. Selbst Einzeltäter, die sich zum Teil selber radikalisiert haben, könnten grausame Blutbäder anrichten. Siehe Anders Breivik in Norwegen oder Mohammed Merah in Toulouse. Diese Form des Terrorismus - unkoordiniert und spontan - ist viel schwerer zu bekämpfen als konzertierte Grossaktionen.
Ableger in Jemen oder Nordafrika
Nicht zu vergessen, dass für die lokale Bevölkerung auch die Aktivitäten von al-Qaida-Filialen in Afghanistan, Jemen oder Nordafrika grausam sind. Besorgnis erregt zudem, dass sich al-Qaida in den Ländern des Arabischen Frühings in den letzten Monaten verstärkt eingenistet hat. (pet)
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