Stiglitz: US-Wirtschaft unter Quarantäne stellen
Kritisiert seine Kollegen: Ökonom Joseph Stiglitz. (Reuters Archiv)
Von Wirtschaftsredaktor Klaus Ammann
Vier Jahre nach dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers steckt die Welt immer noch in der Krise. Aus der Subprime-Krise wurde eine Finanzkrise, die sich von den USA über den ganzen Globus ausbreitete und zurzeit vor allem in Europa wütet. Die meisten Ökonomen haben diese Krise nicht vorhergesehen. Und nach deren Ausbruch wurde sie von vielen unterschätzt.
Der ehemalige Weltbank-Chefökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz kritisiert, dass viele Ökonomen in veralteten Denkmustern verharren. «Viele Ökonomen sind dem Fehlglauben erlegen, dass die Märkte effizient seien. Sie glaubten, es könne gar keine Krise geben, weil Märkte schlau seien», sagt Stiglitz. Die Annahme sei gewesen: Die Märkte werden das schon selbst regeln.
«Falsch reagiert»
In diesen Theorien seien Krisen also gar nicht möglich gewesen. Und als mit dem Fall von Lehman Brothers 2008 trotzdem eine ausbrach, hätten viele Entscheidungsträger und ihre Berater aus der Wirtschaftswissenschaft falsch reagiert, sagt Stiglitz.
Man hielt es für eine «zeitweilige Abnormalität» der Märkte, «für einen kurzen Schwächeanfall». Die Schlussfolgerung sei gewesen, dass die Märkte temporär ein wenig Unterstützung bräuchten, damit bald wieder alles wie früher sein würde.
Bis zum Jahr 2000 war Stiglitz Chefökonom der Weltbank und zuvor Wirtschaftsberater von US-Präsident Bill Clinton. Heute gehört er zu den lautesten Kritikern der grossen wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger.
Er ist überzeugt, dass viele Ökonomen im Umgang mit Risiken weiterhin auf die falsche Strategie setzen: Wäre das Risiko nicht so breit verteilt worden, hätte die Krise vielleicht nicht die europäischen Märkte angesteckt. Es wäre eine amerikanische Krankheit geblieben. «Die gegenseitige Abhängigkeit zwischen den USA und Europa hat das Problem verschlimmert», sagt Stiglitz.
«Kranke unter Quarantäne stellen»
Der Wirtschaftsnobelpreisträger zieht zum Vergleich die Medizin heran: «Wenn jemand sehr krank ist, stellen wir ihn unter Quarantäne. Ähnlich müssen auch schädliche Entwicklungen auf Finanzmärkten abgekoppelt werden, damit andere Länder nicht angesteckt werden.»
Als Lehre aus der Krise fordert Stiglitz, dass unabhängige Regulierungsbehörden eingesetzt werden, um die Finanzmärkte zu überwachen. Regulatoren würden zu oft den aktiven Eingriff in die Märkte scheuen und darauf hoffen, dass diese es selbst richte.
Unabhängig davon, was die Wissenschaft aus der Krise lernt, Nobelpreisträger Joseph Stiglitz ist überzeugt, dass die nächste kommen wird: «Ich bin sicher, dass es in der Zukunft Krisen gibt. Es geht darum, dass sie seltener auftreten, kürzer sind und weniger schlimme Auswirkungen haben.»
Realistischer sei aber, sagt Stiglitz, dass schon bald die nächste schwere Krise ausbreche und warnt vor der grossen Intransparenz auf den Finanzmärkten. «Es gibt zu viele, zu grosse Banken», sagt Stiglitz. Und diese hätten nach wie vor zu grossen Einfluss auf die Regulierungsbehörden. (prus)
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