IKRK-Präsident Maurer 100 Tage im Amt
Sucht Geldgeber – aber nicht um jeden Preis: Präsident Peter Maurer will die Unabhängikeit des IKRK beibehalten. (Keystone 7.9.2012)
Von Fredy Gsteiger, diplomatischer Korrespondent
Vor hundert Tagen übernahm der frühere Spitzendiplomat Peter Maurer das Präsidium des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Die Zeit war geprägt von neuen Konflikten mit mehr Akteuren, neuen Kriegsformen und raffinierteren Waffensystemen. Und das alles vor dem Hintergrund drohender Finanzengpässe beim IKRK.
Wegen der neuen Herausforderungen ist Maurer oft unterwegs: in Syrien, in Afghanistan, zur Uno-Generaldebatte in New York, am Blockfreien-Gipfel in Teheran. Er traf sich schon mit mehr als 40 Aussenministern. Sein Ziel sei es, mit wichtigen Partnern zu sprechen und sie um ihre Unterstützung zu bitten.
Von seinem Vorgänger Jakob Kellenberger habe er das IKRK tadellos übernommen. Der Ruf sei hervorragend, die Angestellten motiviert und die Finanzen solide, stellt Maurer fest.
Doch ein Selbstläufer ist die humanitäre Organisation mit einem Budget von über einer Milliarde Franken nicht. Und Maurer ist nicht jemand, der einfach vorgespurte Wege weitergeht. Er ist zwar primär Repräsentant und Mittelbeschaffer, aber mehr als seine Vorgänger dürfte er auch nach innen wirken. Das spüren die IKRK-Mitarbeiter bereits und viele schätzen es.
Ihn interessiere schlicht alles, was mit seinem neuen Amt zusammenhänge, sagt er. Bei Schlüsselthemen werde er sich zweifellos einmischen. Und eine Schlüsselfrage sei die Personalpolitik.
Schwierige Suche nach neuen Donatoren
Wie stellt eine so gross gewordene Organisation sicher, dass sie ständig genügend gute Mitarbeiter für die ebenso anspruchsvollen wie gefährlichen Aufgaben findet? Und wie schützt sie ihre über 13'000 Angestellten, gegen die praktisch wöchentlich irgendwo ein Anschlag versucht wird? Das sind Fragen, die Maurer bewegen und für die er Antworten finden will.
Ein anderes Schlüsselthema ist für Maurer das enorme Wachstum des IKRK. Auf die Frage, ob dies so weitergehe, äussert er sich zunächst zurückhaltend: «Wir werden in der nächsten Zeit kein so grosses Wachstum sehen. Allerdings hängt im humanitären Bereich viel von den Bedürfnissen ab.»
Und von den Finanzen. Noch sind dem IKRK die ganz grossen Geldgeber wie die USA, die Schweiz, die EU oder Grossbritannien treu. «Ich hoffe natürlich, dass wir bei neuen Donatoren durch die Geschwindigkeit und Qualität, mit denen das IKRK der notleidenden Bevölkerung hilft, punkten können.»
Doch bisher gelang es kaum, solche neuen Geldgeber zu finden, etwa im Kreis neureicher Länder wie Südkorea, Singapur oder Saudi-Arabien. Oder gar unter Schwellenländern. Dass neuerdings Russland und China kleine Beiträge beisteuern, wertet Maurer bereits als Erfolg.
Geld nicht um jeden Preis
Vor einer Fundraising-Grossoffensive warnt Maurer. Denn mögliche Geldgeber müssten die Neutralität und Unparteilichkeit des IKRK vorbehaltlos akzeptieren. Die Gefahr, humanitäre Hilfe zu politisieren, wachse.
Wenn aber das IKRK nicht weiter wachsen kann und soll, dann muss es künftig öfters Nein sagen. Man müsse sich überlegen, wie eng man humanitäre Hilfe definiere und ob sie auch Anschubhilfe nach Konflikten oder gar langfristige Entwicklungshilfe umfassen solle, so der IKRK-Präsident.
Mehr Offenheit für Kooperationen
Maurer wird vermutlich die Grenzen etwas enger ziehen. Das aber würde bedeuten, dass er das Feld bisweilen anderen Akteuren überlässt. Und er wird mehr Partnerschaften eingehen müssen – auch mit der Uno. Zu dieser hielt das IKRK bisher Distanz. Denn die Uno ist naturgemäss hochpolitisch, das IKRK aber will unpolitisch bleiben. Maurer scheint willens, Zäune einzureissen.
Man müsse zwar mit anderen Organisationen kooperieren, aber dennoch der eigenen Identität und Spezifität treu bleiben, sagt der IKRK-Präsident, wohl wissend, dass das heikel ist. Kooperieren ohne sich zu kompromittieren: Das ist ein Drahtseilakt, bei dem Maurer all sein diplomatisches Balancevermögen brauchen wird. (prus)
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