Lance Armstrong verliert alle Tour-de-France-Titel
Nicht von dieser Welt: Der bis vor Kurzem erfolgreichste Radsportler, Lance Armstrong. (Keystone)
Die US-Anti-Doping-Agentur USADA begrüsst das Vorgehen des Radsport-Weltverbands UCI im Fall Armstrong. «Die UCI hat die richtige Entscheidung gefällt», sagte USADA-Chef Travis Tygart. Der Weltverband habe endlich seinen Kurs geändert und sich zu einer glaubwürdigen Entscheidung durchgerungen. Dem Weltverband war wiederholt eine auffällige Nähe zum Texaner nachgesagt worden. «Heute ist ein historischer Tag für den sauberen Sport», sagte Tygart weiter. Auch das Armstrong-Urteil werde den Radsport aber nicht endgültig vom Doping befreien. Nötig sei nun eine unabhängige Kommission, um gegen «die vielen Doping-Ärzte und korrupten Teamchefs» vorzugehen. (bru, dpa)
Im Sommer 2005 steht Lance Armstrong nach dem Gewinn seines siebten Tour-Titel am sportlichen Zenit. Danach geht es für den Amerikaner bergab. Gut sieben Jahre später ist er die Titel wieder los und Symbolfigur des grössten Dopingskandals der Geschichte. Eine Chronologie. Mehr
Die einmalige Tour-Ära Lance Armstrong endet mit einem tiefen Fall. Knapp zwei Wochen nach dem verheerenden Bericht der US-Anti-Doping-Agentur Usada stempelte auch der Radsport-Weltverband UCI den Amerikaner endgültig als Doper ab und entzog ihm nachträglich seine sieben Gesamtsiege bei der Frankreich-Rundfahrt.
«Lance Armstrong hat keinen Platz im Radsport», unterstrich Verbandsboss Pat McQuaid in Genf. «So etwas darf nie wieder passieren.» Personelle Konsequenzen schloss der umstrittene Ire aus.
Was mit Armstrongs Titeln der Tour-de-France- Jahre 1999 bis 2005 passiert, will die UCI erst am Freitag bei einer Sondersitzung entscheiden.
Erdrückende Beweislast
Mehr als 1000 Seiten Beweismaterial der Usada, darunter die Aussagen elf ehemaliger Teamkollegen Armstrongs als Kronzeugen: Letztlich hatte die UCI keine Wahl, als die lebenslange Sperre der US-Anti-Doping-Jäger gegen den Texaner und die Aberkennung aller Erfolge von 1998 an zu bestätigen.
«Was ich im Usada-Bericht gelesen habe, macht mich krank», sagte McQuaid. Über eine mögliche Rückzahlungsforderung der Siegprämien in Millionenhöhe soll ebenfalls erst am Freitag entschieden werden.
Dann soll auch geklärt werden, ob die Zweitplatzierten der sieben Rundfahrten zu Toursiegern ernannt werden. Tour-de France-Chef Christian Prudhomme hatte sich jüngst dafür ausgesprochen, die Titel in dem «verlorenen Jahrzehnt» nicht neu zu vergeben.
Über die Bronzemedaille Armstrongs bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney wolle das Internationale Olympische Komitée nach der UCI-Sitzung am Freitag entscheiden. Armstrong selbst äusserte sich zunächst bis zum Nachmittag nicht zu dem Urteil.
UCI im Kreuzfeuer
Kritik erntete auch die UCI: Nach Ansicht von Jean Regenwetter, den Präsidenten des Luxemburger Radverbandes und zuletzt schärfsten Verbandskritiker, dürfte sich in der UCI trotz McQuaids scharfen Worten wenig ändern.
Am kommenden Freitag sässen «genau dieselben Leute zusammen, die dafür gesorgt haben, dass die Glaubwürdigkeit des Radsports in Zweifel gezogen wurde», sagte Regenwetter.
Auch bei der Pressekonferenz im Saal «St. Moritz» des Genfer Flughafen-Hotels Starling wurde aus der Verkündung des Strafmasses gegen Armstrong schnell eine Rechtfertigungs-Veranstaltung der UCI. Vor Dutzenden Kamerateams und Fotografen sowie mehr als 100 Reportern schloss McQuaid einen Rücktritt aus. «Natürlich kann man in der Rückschau immer sagen, man hätte mehr tun können», sagte er.
Die Usada hatte in ihrem Bericht angedeutet, Armstrong habe einen positiven Dopingtest einst mit Hilfe der Verbandsspitze verschleiert. Den Vorwurf wies McQuaid zurück und nahm auch seine umstrittenen Vorgänger Hein Verbruggen und jetzigen Ehrenpräsidenten in Schutz.
Für Regenwetter steht dagegen fest: «McQuaid und Verbruggen müssen weg.» Der Luxemburger will seinen Unmut über das System UCI und Änderungsvorschläge in Kürze in einem offenen Brief an die europäischen Verbände kundtun.
Doping mit System
Dass die Anti-Doping-Massnahmen im Radsport lange ungenügend waren, räumte auch McQuaid ein. «Es tut mir leid, dass wir nicht jeden verdammten Sünder erwischen konnten», sagte er. 218 Mal sei Armstrong auf Doping getestet worden - ohne positiven Befund. Dass der Radsport irgendwann komplett vom Doping befreit werde, glaubt McQuaid nicht.
Armstrong war von der USADA jahrelanges und systematisches Doping nachgewiesen worden. Wie Zeugen unter Eid berichteten, habe Armstrong EPO-, Testosteron-, Kortison- und Blutdoping betrieben. Zudem habe er Mannschaftskollegen zum Doping gezwungen und eingeschüchtert, als diese sich von ihm abgewandt hatten. Der Beschuldigte stritt die Vorwürfe ab.
Armstrong war wegen der massiven Anschuldigungen zuletzt bereits von seinen wichtigsten Sponsoren - darunter Nike und am Montag auch dem Brillenhersteller Oakley - fallengelassen worden. Ausserdem trat der 41-Jährige als Vorsitzender seiner Krebsstiftung Livestrong zurück. Der «Weltrekord-Doper» (New York Daily News) steht vor dem Ruin. (wedj;bru, dpa)
Mehr zu den Stichwörtern:
