Fluchtkunst-Vorwurf an Bührle-Stiftung
Ausschnitt aus dem Monet-Bild «Mohnfeld bei Vétheuil». (Reuters)
Von Zürich-Korrespondent Curdin Vincenz
«Mohnfeld bei Vétheuil», so heisst eines der bekanntesten Meisterwerke des französischen Impressionisten Claude Monet. Es ist seit Jahren eines der Prunkstücke in der Sammlung der Zürcher der Bührle-Stiftung.
In die Schlagzeilen geriet das Bild zuletzt vor vier Jahren: Es war eines der Bilder, die beim spektakulären Kunstraub in der Bührle-Sammlung gestohlen wurden, wenige Tage später tauchte es wieder auf. Auf das Bild erheben jetzt Erben eines jüdischen Kaufmanns Ansprüche, der jahrelang in der Schweiz lebte.
Ursprünglicher Besitzer von den Nazis verfolgt
Bevor das «Mohnfeld bei Vétheuil» 1941 in den Besitz des Schweizer Industriellen und Kunstsammlers Emil Georg Bührle überging, hing es jahrelang in einer prunkvollen Villa auf den Tessiner Brissago-Inseln, wo der deutsche Kaufhauskönig Max Emden residierte.
Der jüdisch-stämmige Emden geriet aber in den 1930er Jahren ins Visier der Nazis, sagt der Anwalt seiner Erben, Markus Stötzel. Emden habe sein gesamtes Vermögen im Zuge der Nazi-Verfolgung verloren. Ab 1937 habe er deshalb auch seine Kunstsammlung unter Preis verkaufen müssen, «er brauchte Liquidität», so der Anwalt.
Das fragliche Monet-Bild soll schliesslich 1940 von Emdens Sohn - ebenfalls unter Druck - verkauft worden sein, so die Erben. Auf Umwegen sei das Bild schliesslich für 35'000 Franken in die Hände von Kunstsammler Bührle gekommen. Heute soll das das Bild zwischen 20 und 50 Millionen Franken wert sein. Für diesen Fall von sogenannter Fluchtkunst will ein Emden-Enkel darum jetzt Geld sehen.
Noch keine Einigung zwischen Erben und Stiftung
Bei der Bührle-Stiftung bestreitet man diese Version der Geschichte. Der Monet sei 1940 vom Emden-Sohn nicht unter Druck verkauft worden, das belegten Dokumente, die man in einem amerikanischen Archiv gefunden habe, sagt Bührle-Kurator Lukas Gloor. Der Verkäufer sei ein wohlhabender Geschäftsmann gewesen, der «in sehr geplanter Weise» die ihm zugefallene Erbschaft verkaufen konnte.
Bei ersten Gesprächen in Zürich konnten sich die Emden-Erben und die Bührle-Stiftung noch nicht einigen. In ein paar Wochen soll weiter verhandelt werden.
Kein Interesse an langwierigem Streit
Dass die Forderung an die Bührle-Stiftung gerade jetzt an die Öffentlichkeit kommt, ist kaum ein Zufall. Ende Monat stimmt die Stadt Zürich nämlich über die Erweiterung des Kunsthauses ab. In diesem Erweiterungsbau, der mehr als 200 Millionen Franken kostet, soll ab 2017 die ganze Bührle-Sammlung, auch der fragliche Monet, zu sehen sein.
Negative Schlagzeilen kommen da weder der Bührle-Stiftung noch dem Kunsthaus gelegen - beide dürften darum an einer raschen Beilegung des Streits interessiert sein.
Es ist nicht das erste Mal, dass die Bührle-Stiftung wegen der Herkunft ihrer Bilder unter Druck kommt. Bei einem guten Dutzend der Bilder handelt es sich tatsächlich um Raubkunst der Nazis, die Bührle aber gutgläubig gekauft haben soll. Zu einem grossen Teil hat er sie nach dem zweiten Weltkrieg – sozusagen ein zweites Mal – rechtmässig erworben.
Vergangenheit von Kunst aufarbeiten
Beim Zürcher Kunsthaus, wo die Bührle Sammlung in Zukunft zu sehen sein soll, weiss man seit langem um diese Problematik, betont Kunsthaus-Mediensprecher Björn Quellenberg. Er hofft, dass die Bührle-Stiftung nun «konstruktiv mit dem Fragesteller zusammenarbeiten wird.»
Kunsthaus-Sprecher Quellenberg sagt aber auch, dass neue, ähnliche Forderungen zu anderen Bildern gestellt würden, sei immer möglich. Dann nämlich, wenn in Archiven neue Dokumente über frühere Besitzverhältnisse auftauchten. Die genaue Herkunft der Kunstwerke zu klären, sei darum eine Arbeit, die nie zu Ende sei. (pet)
