New York vom Normalzustand noch weit entfernt
Lower Manhatten lag auch in der vergangenen Nacht noch im Dunkeln. (Reuters)
Manche der Opfer wurden vor ihrem Tod zu Helden, andere kamen auf tragische Art und Weise ums Leben. Viele wurden von Ästen erschlagen - einige auf der Strasse, einige aber auch zu Hause im Bett.
Eine 23-Jährige trat in eine Pfütze, in die ein abgerissenes Elektrokabel hineingefallen war. Sie starb an einem Stromschlag. Ein 28 Jahre alter Polizist rettete sieben Menschen das Leben – und starb dabei: Als das Wasser in der Sturmnacht in seinem Haus immer weiter stieg, schaffte er alle nach oben - der älteste ein fast 70-jähriger Mann, der jüngste sein 15 Monate alter Sohn. Ein letztes Mal tauchte der Polizist in den Keller und kam nicht mehr zurück.
Manche Gegenden in New York sähen aus wie London oder Dresden nach den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg, beschrieb Bürgermeister Michael Bloomberg seine Stadt. Besonders schwer traf es Breezy Point, ein direkt am Atlantik gelegenes pittoreskes Viertel. Zuerst kamen die Fluten, dann das Feuer, wahrscheinlich ausgelöst durch Kurzschlüsse. Mehr als 80 Holzhäuser brannten nieder.
An der US-Ostküste ist die Zahl der Todesopfer des Hurrikans «Sandy» nach offiziellen Angaben auf 98 Todesopfer gestiegen. So viele Leichen seien inzwischen geborgen worden, hiess es.
Wohl noch mehr Todesopfer
Allein in New York kamen 40 Menschen zu Tode, davon 20 im Stadtteil Staten Island. Das Quartier, das gegenüber von Manhatten liegt, war am Montag von einer Flutwelle überrollt worden. Heimatschutzministerin Janet Napolitano will Staten Island besuchen, nachdem dort Klagen von Einwohnern laut geworden sind, der Bezirk sei von der Politik vergessen worden.
Laut Bürgermeister Michael Bloomberg ist mit noch mehr Todesopfern zu rechnen. Polizisten und Feuerwehrleute seien noch immer dabei, in den besonders betroffenen Gebieten von Haus zu Haus und von Tür zu Tür zu gehen, um nach Hilfsbedürftigen oder möglichen Opfern zu suchen, sagte Bloomberg.
Hunderttausende ohne Strom und Heizung
Etwa 650'000 Bewohner der Metropole sind weiterhin ohne Strom. Der Stromanbieter Con Edison warnte, in einigen Stadtvierteln werde die Stromversorgung erst am 11. November wiederhergestellt sein. Der Süden von Manhattan soll bis Samstag wieder am Netz sein.
Hunderttausende Menschen sind auch im benachbarten Bundesstaat New Jersey vom Stromausfall betroffen. Dort muss jeder vierte der 1,8 Millionen Einwohner ohne Licht, Heizung, Trinkwasser, funktionierende Toiletten oder Telefon auskommen. Ausserdem wird dort der Benzinkauf zu einem Spiessrutenlauf. Vor den Tankstellen bildeten sich lange Schlangen von Menschen, die Treibstoff für ihre Generatoren kaufen wollten.
Guardian Angels sorgen für Sicherheit
In den weiterhin von der Stromversorgung abgeschnittenen Vierteln New Yorks wurde zudem eine fehlende Polizeipräsenz kritisiert. Einwohner äusserten sich besorgt über die Sicherheit auf den Strassen und in den U-Bahnen. Auf den Strassen Manhattans patrouillieren nun Mitglieder der Guardian Angels. Das ist eine unbewaffnete Freiwilligentruppe, die sich den Kampf gegen die Kriminalität zum Ziel gesetzt hat.
Immerhin sollen in den nächsten Stunden weitere U-Bahnlinien wieder in Betrieb gehen. Parks und Spielplätze sollen am Wochenende wieder geöffnet werden. Für Freitagabend kündigte Jon Bon Jovi mit prominenten Musikern wie Sting, Billy Joel und Bruce Springsteen ein Benefiz-Konzert in New York an. Die Spenden sollen den «Sandy»-Opfern zugutekommen.
Warme Mahlzeiten für Millionen
Nationalgardisten und Freiwillige begannen derweil mit der Verteilung von Nahrungsmitteln an Bedürftige. Der Gouverneur des Bundesstaats New York, Andrew Cuomo, berichtete, rund eine Million Mahlzeiten sollten in New York City verteilt werden.
Das Rote Kreuz stellte zwölf Feldküchen bereit, die 200'000 warme Mahlzeiten pro Tag zubereiten können. Auch das US Transportation Command, das normalerweise für die Versorgung von Kampftruppen zuständig ist, schickte 55 Lastwagen mit 1,5 Millionen Mahlzeiten nach New York.
40'000 am New Yorker Marathon
Trotz der schwierigen Situation soll am Sonntag der 43. New Yorker Marathon ausgetragen werden, wie Bürgermeister Bloomberg bereits am Mittwoch ankündigte. 40'000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind dafür gemeldet. Mit dem Festhalten der Sportveranstaltung sind aber nicht alle New Yorker einverstanden.
So sprach etwa die Senatorin des Bundesstaates New York, Liz Krueger, von einer eklatanten Fehlentscheidung. Mit Blick auf die Aufräumarbeiten erklärte sie: «Ich verstehe, dass der Marathon der lokalen Wirtschaft Einnahmen bringt, aber seien wir ehrlich, er bindet erhebliche Kräfte. In keinem der Bezirke läuft es auch nur annähernd normal», sagte sie der «New York Times».
Spitäler haben Wichtigeres zu tun
Filip Bondy, der Kolumnist der «New York Daily News» schrieb, das Rennen habe keine Bedeutung für Leute, die obdachlos geworden sind, weil ihre Häuser bis auf die Grundmauern niedergebrannt seien. Er hob zudem hervor, dass die Spitäler der Stadt, von denen zwei bereits wegen Stromausfalls evakuiert werden mussten, derzeit Wichtigeres zu tun hätten, als sich um selbst zugefügte Verletzungen oder Herzkomplikationen von Läufern zu kümmern.
Immerhin wurde die für Freitag geplante Eröffnungszeremonie abgesagt. Auch ein fünf Kilometer langes Rennen in den Central Park am Samstag fällt aus. Unklar bleibt aber, wie die Teilnehmer am Sonntag zum Start kommen. Rund die Hälfte nutzt sonst die U-Bahn nach Süd-Manhattan und von dort die Fähre nach Staten Island. Beide Verkehrsmittel wurden durch «Sandy» lahmgelegt, als Alternative bleiben nur Busse. (pet;bru, dpa/reuters/sda)
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