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Dienstag, 31.7.2012

Von wegen Frauen und Kinder zuerst

«Jeder ist sich selbst der nächste» statt «Frauen und Kinder zuerst» - so lässt sich das menschliche Verhalten bei Schiffskatastrophen wohl eher umschreiben. Nur der Titanic-Untergang scheint eine löbliche Ausnahme gewesen zu sein.

Die aussergewöhnliche Ritterlichkeit beim Titanic-Untergang nährte den Mythos von der Priorität von Frauen und Kindern bei der Rettung. (Reuters Archiv)

Neue Erkenntnisse zum Verlassen sinkender Schiffe

Beitrag aus Echo der Zeit vom Dienstag, 31.7.2012, 18.00 Uhr, DRS 1 und DRS 4 News

Frauen haben grundsätzlich schlechtere Überlebenschancen als Männer, Kinder gar die schlechtesten. Dies zeigt eine Untersuchung schwedischer Forscher bei insgesamt 18 untergegangenen Schiffen.

Die Studie lässt an einem weiteren beliebten Glauben zweifeln: dass Kapitän und Besatzung das sinkende Schiff zuletzt verlassen. Crewmitglieder überleben deutlich häufiger als Passagiere, berichten schwedische Forscher in den «Proceedings of the National Academy of Sciences» (PNAS).

Titanic war löbliche Ausnahme
Der Glaube an die männliche Ritterlichkeit auf See wird vor allem durch den Untergang der Titanic gestärkt. Bei der Katastrophe starben mehr als dreimal so viele Männer wie Frauen. Einige Männer, die sich dem «Frauen und Kinder zuerst»-Befehl des Kapitäns widersetzten, sollen von der Crew erschossen worden sein.

Nur beim Titanic-Untergang - und bei einem weiteren Schiffsunglück wurden anteilig mehr Frauen gerettet als Männer, bei elf Katastrophen war es genau anders herum.

Ein Kapitänsbefehl kann Frauen das Leben retten
Mikael Elinder und Oscar Erixson von der Uppsala Universität werteten Daten von insgesamt 18 Schiffsunglücken aus, an denen mehr als 15'000 Menschen aus 30 Nationen beteiligt waren. Das Ergebnis ist eindeutig: Frauen haben bei maritimen Katastrophen nicht bessere, sondern schlechtere Überlebenschancen als Männer.

Die Überlebenschancen der Frauen stiegen, wenn der Kapitän den ausdrücklichen Befehl «Frauen und Kinder zuerst» ausgesprochen hatte. Dies war bei fünf Untergängen der Fall. Seit dem ersten Weltkrieg schrumpft der Abstand bei den Überlebenschancen zwischen Frauen und Männern, berichten die Forscher weiter.

Durchsetzungsvermögen auch auf See gefragt
Sie führen das auf das gestiegene soziale Ansehen der Frauen zurück und auf deren grössere Selbständigkeit. Die Geschwindigkeit des Untergangs oder die vorherige Länge der Reise beeinflussten die Überlebenschancen nicht.

Briten am wenigsten zuvorkommend
Schliesslich räumt die Untersuchung noch mit einem weiteren Irrglauben auf - dem, dass vor allem die Briten auf See den galanten Retter geben. Tatsächlich sterben auf britischen Schiffen, die von einem britischen Kapitän und überwiegend britischer Besatzung geführt werden, besonders viele Frauen im Vergleich zu Männern.

«Auf Grundlage unserer Analyse wird deutlich, dass der Untergang der «Titanic» aussergewöhnlich in vielerlei Hinsicht war und dass das, was auf der «Titanic» geschah, eine Reihe von falschen Vorstellungen des menschlichen Verhaltens in Katastrophenfällen befeuert zu haben scheint», schliessen die Wissenschaftler. (wedj, sda/dpa)

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