Caracas erstickt an Gewalt
Feuriger Wahlkampf: Unter Präsident Hugo Chávez hat sich die Zahl der Tötungsdelikte vervierfacht. (Reuters)
Am 7. Oktober wählen die Venzolanerinnen und Venozolaner einen neuen Präsidenten. Hugo Chávez, der seit 1999 im Amt ist, möchte wiedergewählt werden. Doch dem 58-Jährigen, der in den vergangenen Monaten mehrmals in Kuba wegen Krebs behandelt wurde, steht mit Henrique Capriles Radonski ein ernsthafter Konkurrent gegenüber. Der erst 40-jährige Ex-Gouverneur kritisiert Chávez' Misswirtschaft: Trotz rekordhoher Erdöleinnahmen habe Chávez die Schulden von 33 auf 150 Milliarden Dollar anwachsen lassen. Capriles verspricht, «keinen Tropfen» Erdöl mehr verschenken zu wollen. Kuba dürfte dies nicht gerne hören.
Von Südamerika-Korrespondent Ulrich Achermann
Das Schweizer Aussendepartement empfiehlt, auf einen Besuch Caracas zu verzichten. Das EDA stützt den Reisehinweis auf erschreckende Zahlen: Mit 122 Toten pro 100'000 Einwohner ist Caracas die gefährlichste Hauptstadt der Welt. Und die meisten Verbrechen sind Raubmorde.
150'000 Morde seit Chavez' Amtsantritt
In den 13 Jahren unter Präsident Hugo Chávez hat sich die Zahl der Tötungsdelikte in Venezuela vervierfacht. Rund 150'000 Menschen wurden in dieser Zeit bei Gewalttaten getötet – mehr als die Stadt Bern Einwohner hat.
Statistisch gesehen ist Venezuela um ein Vielfaches gewalttätiger als beispielsweise Kolumbien, wo ein Bürgerkrieg tobt oder Mexiko, wo ein Drogenkrieg wütet. Denn der linke Präsident Chávez weigert sich, die Polizei repressiv einzusetzen. Das würden nur rechtsgerichtete Regierungen oder Militärregime machen.
Dutzende Tote – an einem Wochenende
Und so gibt es Wochenenden, an denen bis 70 Tote ins Leichenschauhaus von Caracas gebracht werden. Eine Familie ist gekommen, um den Leichnam des Sohnes zu identifizieren. Der 30-Jährige war drogenabhängig und hatte als Bettler auf der Strasse gelebt. Er wurde bei einem Streit erstochen.
Auch Miguel Velasquez steht geknickt herum – in der einen Hand hält er einen Motorradhelm, in der andern eine Mappe. Gestern sei Nayrebeth, seine 15-jährige Tochter, tot gefunden worden. Beide Hände und ein Fuss fehlten, die Verwesung war bereits so schlimm, dass ihm die Polizei verbot, seine Tochter ein letztes Mal zu sehen, klagt er. Es sei wahrscheinlich eine Vergewaltigung gewesen. «Dieses Verbrechen darf nicht ungesühnt bleiben. Das ist alles, was ich verlange», sagt Velasquez.
Nur 8 Prozent der Morde werden aufgeklärt
Doch die Chance, dass die Täter gefunden, vor Gericht gestellt und verurteilt werden, ist in Venezuela minim. Von 100 Morden würden 92 nie aufgeklärt, sagt Gewaltforscher Roberto Briceno.
Chávez versuche erst gar nicht ökonomische Anreize zu schaffen, damit die Zivilisten ihre Waffen abgeben. Zudem ist der Präsident selbst noch ein schlechtes Vorbild: An Recht und Gesetz vorbei versorgt er die militantesten seiner Anhänger mit Waffen. Und seine Praxis, Privatpersonen entschädigungslos Firmen, Farmen oder Ländereien wegzunehmen, ist auch keine Einladung an die Venezolaner, sich an Rechts- und Sozialnormen zu halten.
«Chávez ist an drei Tagen der Woche in der Regierung», sagt ein Passant in Caracas. Und an den übrigen vier Tagen spiele er immer noch den Revolutionär. (prus;pet)
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