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Jemen

Armut und fehlende Perspektiven treiben Anfang 2011 auch in Jemen die Menschen auf die Strasse. Die Lage verschlimmert sich über Monate, bis der Langzeitpräsident im November des selben Jahres schliesslich abtritt. 
Karte: Jemen

Wie in Tunesien und Ägypten fordert auch in Jemen die Bevölkerung Anfang 2011 den Rücktritt ihres  Staatschefs, Ali Abdullah Saleh. Er ist seit 1978 im Amt. Das Land muss sich gegen den Ruf eines Horts für Extremistenorganisation wehren und hat es mit schiitischen Rebellen im Norden sowie separatistischen Bestrebungen im Süden zu tun.

Zudem ist ein Drittel der Bevölkerung in Jemen ist chronisch unterernährt, 40 Prozent der Jemeniten müssen mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen.

Regime geht gewaltsam gegen Demonstranten vor
Immer wieder gibt es seit Ende Januar 2011 in der Hauptstadt Sanaa sowie im Süden und Osten des Landes Kundgebungen. Oftmals kommt es dabei zu gewaltsamen Zusammenstössen mit Saleh-Treuen oder Sicherheitskräften. Es gibt mehrere Tote und viele Verletzte. In der Folge sagen sich mehrere wichtige Stammesführer von Präsident Saleh los.

Am 10. März kündigt dieser an, die Verfassung rasch reformieren zu wollen und ein parlamentarisches Regierungssystem einzuführen. Die Opposition weist das Angebot zurück: Es komme zu spät, die Forderungen der Regierungsgegner gingen inzwischen über den Vorschlag des Präsidenten hinaus.

Es kommt zu weiteren, blutigen Demonstrationen, bei denen immer wieder auch Protestierende getötet werden. Allein am 18. März sterben in Sanaa mindestens 50 Menschen. Daraufhin kündigt Saleh den Ausnahmezustand an.

Hunderttausende auf den Strassen
Am 22. März kündigt Saleh seine vorzeitigen Rücktritt an und verkündet, er wolle bis Januar 2012 Parlamentswahlen abhalten lassen und seinen Posten räumen. Die Opposition lehnt das Angebot umgehend ab und fordert weiter den sofortigen Rücktritt.

Am 1. April gehen landesweit Hunderttausende Gegner Salehs auf die Strasse. 10'000 seiner Anhänger versammeln sich in Sanaa, um einer Rede des Präsidenten zu lauschen. Auch in den folgenden Tagen gehen die Proteste weiter, immer wieder sterben dabei auch Menschen.

Saleh wird verletzt und flieht nach Saudi-Arabien
Ende Mai
eskaliert auch der Machtkampf zwischen Saleh und dem rivalisierenden Stammes-Scheich Sadik al-Ahmar. Dabei werden innert Tagen dutzende Kämpfer auf beiden Seiten getötet.

Schliesslich wird Saleh am 4. Juni bei einem Granatenangriff auf seinen Palast verletzt. Er wird zur Behandlung nach Saudi-Arabien ausgeflogen. Bereits feiern seine Gegner auf den Strassen den lang ersehnten Sturz des Langzeit-Präsidenten.

Saleh zurück in Jemen
Am 23. September kehrt Saleh nach drei Monaten in Saudi-Arabien nach Sanaa zurück. Beobachter befürchten deshalb ein endgültiges Abgleiten in einen Bürgerkrieg. Tatsächlich nimmt kurz nach Salehs Rückkehr die Gewalt zu. Mindestens 40 Menschen sterben bei Angriffen von regierungstreuen Truppen auf eine Zeltstadt der Opposition.

Während die Demonstrationen Hunderttausender Gegner von Präsident Saleh vor allem in Sanaa weitergehen und dabei immer wieder Menschen durch Soldatenschüsse umkommen, geht die Armee im Süden des Landes gegen mutmassliche al-Qaida-Kämpfer vor. Unterstützt wird sie durch US-Kampfdrohnen. Durch den Beschuss einer solchen wird Anfang Oktober der US-stämmige Hassprediger Anwar al-Awlaki getötet.

Uno verurteilt gewaltsames Vorgehen
Am 22. Oktober verurteilt der Uno-Sicherheitsrat das gewaltsame Vorgehen gegen die Demonstranten in Jemen einstimmig. In der Resolution fordert der Rat Saleh gleichzeitig dazu auf, das mit Hilfe des Golf-Kooperationsrates ausgehandelte Abkommen zu unterzeichnen und gegen die Zusicherung von Immunität die Mach an einen Stellvertreter zu übertragen.

Schon am Tag danach kommt es in Sanaa aber zu neuen Kämpfen zwischen Regierungstruppen und zur Protestbewegung übergelaufenen Soldaten, bei denen nach amtlichen Angaben mindestens 20 Menschen umkommen.

Waffenstillstand hält nicht lange
Am 25. Oktober unternehmen die Konfliktparteien einen neuen Anlauf zur Beendigung der Gewalt: Die Regierung von Präsident Saleh und der abtrünnige General Mohsen unterzeichnen einen Waffenstillstand. Dieser scheint denn auch mehrere Tage lang mehr oder weniger eingehalten zu werden.

Bereits am 2. November aber kommt es in den Städten Taes und Sanaa zu neuen Kämpfen zwischen Anhängern und Gegnern des Präsidenten. Dabei werden nach Spitalangaben mindestens 18 Menschen getötet und mehrere Dutzend verletzt. Auch in den folgenden Wochen gehen die Unruhen und Kämpfe im Land weiter, immer wieder wird von Todesopfern berichtet.

Saleh gibt die Macht doch noch ab
Am 21. November meldet die Opposition einigermassen überraschend, man habe sich mit Saleh auf eine Machtübergabe geeinigt. Tatsächlich unterzeichnet der Langzeitpräsident - er war 33 Jahre an der Macht - am 23. November in Riad ein Abkommen.

Grundlage ist der Plan der Golfstaaten, wonach Saleh im Gegenzug für seinen Rücktritt Immunität für sich und seine Angehörigen erhält. Salehs Stellveretreter Abedrabbu Mansur Hadi ist der neue starke Mann im Land, er soll zusammen mit der Opposition eine neue Regierung bilden. Wahlen sollen im Februar 2012 stattfinden. Für sich selbst fordert Saleh Straffreiheit.

Saleh soll Straffreiheit erhalten
Trotz Massenproteste gewährt das Parlament Präsident Saleh im Januar 2012 einstimmig die absolute Straffreiheit. Dies gilt jedoch nicht für seine Mitarbeiter. Diese können wegen terroristischer Handlungen oder Korruption belangt werden. Damit gibt das Parlament den Protesten nach. Denn ursprünglich sollte Salehs Mitarbeiter für die gesamte 33-jährige Regierungszeit des Präsidenten von der Strafverfolgung ausgenommen sein.

Breite Schichten der Bevölkerung sind mit dem Entscheid des Parlaments nicht einverstanden. An Demonstrationen fordern sie immer wieder die Hinrichtung Salehs. «Keine Immunität auf Kosten unseres Blutes», heisst auf Plakaten.

Ende Januar reist Saleh in die USA, um sich dort medizinisch behandeln zu lassen. Er werde für «einen privaten medizinischen Kurzbesuch» in den USA bleiben, erklärt der Sprecher der jemenitischen Botschaft in Washington. Saleh war bei einem Angriff auf seinen Präsidentenpalast im Juni 2011 schwer verletzt und zunächst in Saudi-Arabien behandelt worden.

Neuer Präsident gewählt -  Gewalt hält an
Am 21. Februar wählt die Bevölkerung den neuen Präsidenten. Zur Wahl steht nur ein Kandidat, Abedrabbu Mansur Hadi, bisheriger Saleh-Stellvertreter. Während sich in Sanaa und anderen Städten lange Schlangen vor den Wahllokalen bilden, ist das Interesse in den schiitischen Hochburgen gering, oftmals blieben die Wahllokale leer oder geschlossen. Die dortigen Rebellen, die seit 2004 gegen Saleh gekämpft hatten, hatten zum Wahlboykott aufgerufen. Überschattet wurde die Wahl von Gewaltaktionen. Mindestens 10 Menschen starben.

Am 26. Februar wird der neue Präsident Hadi vereidigt. Die Machtübergabe wird von einem schweren Bombenanschlag überschattet, der vor einem Präsidentenpalast in der südlichen Hafenstadt Mukalla verübt wird. 26 Menschen sterben bei der Bluttat, für die al-Qaida die Verantwortung übernimmt.

Heftige Kämpfe mit Terroristen im Süden
Anfang März kommt es im Süden Jemens zu heftigen Kämpfen zwischen der Armee und mutmasslichen Mitgliedern des Terrornetzwerks al-Qaida. Die Kämpfe ereignen sich westlich der Provinzhauptstadt Zinjibar. Die Stadt ist seit Monaten unter Kontrolle der militanten Islamisten. Offenbar versuchen diese, ihr Einflussgebiet auszuweiten, indem sie Armeestellungen angreifen. Bei den Gefechten sterben laut Militärangaben mehr als 100 Soldaten, auch 25 militante Islamisten sollen getötet worden sein. Zudem nimmt die al-Qaida mehr als 70 Soldaten als Geiseln.

Am 12. März meldet der US-Sender CNN, von amerikanischen Drohnen aus abgefeuerte Raketen hätten mehr als 60 mutmassliche Terroristen im Süden des Landes getötet.

Schweizerin als Geisel genommen
Am 14. März wird in der Hafenstadt Hodeidah im Westen des Landes eine Schweizerin entführt. Laut jemenitischen Angaben steckt hinter der Geiselnahme ein örtlicher Stamm, der zwei Stammesmitglieder aus der Haft freiprressen will. Bei der Frau handelt es sich den Angaben zufolge um eine 32-jährige Sprachlehrerin, die in Hodeidah gearbeitet haben soll.

Die Sicherheitslage im Land bleibt weiter prekär: Im Süden gehen die Kämpfe der Regierungstruppen gegen mutmassliche al-Qaida-Anhänger weiter, Anfang April wird von Dutzenden Toten bei Gefechten berichtet. Wenige Tage später soll es bei den Kämpfen laut Militärangaben erneut zu Dutzenden Toten gekommen sein.

Der neue Präsident entlässt Saleh-Treue
Am 7. April ersetzt der neue Präsident Abedrabbu Mansur Hadi die Gefolgsleute des früheren Präsidenten Saleh an der Armeespitze sowie in vier Provinzen. Jemen-Kenner werten die Personalentscheidungen als umsichtig. Sie seien vermutlich in Abstimmung mit allen politischen Gruppierungen gefallen, heisst es. Kurz darauf wird der Flughafen in Sanaa kurzzeitig von Truppen des entlassenen Luftwaffen-Kommandanten besetzt.

USA weiten den Einsatz der Drohnen aus
In den folgenden Tagen und Wochen werden Dutzende Tote aus dem Süden des Landes gemeldet, die bei Anti-Terror-Kämpfen gefallen sind. Die jemenitischen Streitkräfte werden in ihrem Kampf gegen al-Qaida-Anhänger von US-Drohnen unterstützt.

Am 26. April weiten die USA auf Anordnung von Präsident Barack Obama den Drohneneinsatz in Jemen noch aus: Künftig dürften Raketen schon bei blossem Verdacht auf terroristische Aktivitäten abgefeuert werden, schreibt die «Washington Post». Bislang durften sich die Schläge nur gegen Terroristen richten, die auf Geheimdienst- und Militärlisten geführt werden.

Nach fast zwei Monaten in der Gewalt von al-Qaida-Verbündeten werden Ende April im Süden des Landes mehr als 70 jemenitische Soldaten  freigelassen. Es bleibt unklar, ob die Regierung im Gegenzug wie gefordert mehrere Mitstreiter der Extremisten aus der Haft entlassen hat. Trotzdem gehen die Kämpfe zwischen al-Qaida-Extremisten und Soldaten weiter, fast täglich werden Tote - auch Opfer von US-Drohneneinsätzen - gemeldet.

Video der Schweizer Geisel
Am 1. Mai taucht ein Video auf, in dem die in Jemen entführte Schweizerin den Bundesrat um Hilfe für ihre Freilassung bittet. Sie sei in den Händen des Terrornetzwerks al-Qaida. «Mir geht es mehr oder weniger gut», sagt die Schweizerin auf Englisch und fügt an, sie werde zum Glück «sehr gut behandelt».

Anschlag mit neuartiger Unterhosen-Bombe vereitelt
Am 8. Mai geben US-Regierungsvertreter bekannt, man habe einen Selbstmordanschlag auf eine Passagiermaschine vereitelt. Offenbar hätte eine von al-Qaida in Jemen weiter entwickelte Unterhosen-Bombe zum Einsatz kommen sollen. Der Mann, welcher den Anschlag hätte verüben sollen, war Informant der CIA und des saudischen Geheimdienstes, wird später bekannt.

In den Tagen darauf werden mehrere Drohnen- und Armeeangriffe auf al-Qaida-Kämpfer gemeldet, insgesamt sollen dabei Dutzende mutmassliche Terroristen getötet worden sein. Auch Zivilisten und Soldaten sind unter den Todesopfern. Die Angriffe der Armee auf die Rebellen bleibt nicht ohne Folgen: Am 17. Mai wird gemeldet, in der Stadt Laudar im Süden des Landes vertrieben worden seien.

Dutzende Tote nach Selbstmordanschlag
Am 21. Mai bringt ein Selbstmordattentäter bei der Probe zu einer Militärparade in der Hauptstadt Sanaa eine Bombe zur Explosion. Gegen 100 Soldaten sterben, fast 300 weitere werden verletzt. Es ist der schwerste Anschlag in Jemen seit dem Amtsantritt von  Präsident Abd Rabbo Mansur Hadi im Februar.

Im Süden des Landes gehen in den folgenden Tagen und Wochen die Kämpfe zwischen der Armee und militanten Islamisten weiter. Ende Mai wird berichtet, dabei seien erneut rund 70 mutmassliche Angehörige des Terrornetzwerks getötet worden. Auch mehrere Soldaten starben bei den Kämpfen, die auch in den folgenden Tagen Dutzende Todesopfer fordern.

Armee mit US-Hilfe auf dem Vormarsch
In den folgenden Wochen wird von mehreren durch die Soldaten zurückeroberten Städten im Süden des Landes berichtet. Dabei werden den Angaben zufolge auch Dutzende mutmassliche al-Qaida-Kämpfer sowie Soldaten getötet. Unterstützung erhält die Armee durch Drohenangriffe der USA, die immer wieder Gruppen von militanten Islamisten ins Fadenkreuz nehmen.

Am 11. Juli sterben bei einem Selbstmordanschlag auf eine Polizeiakademie in Sanaa mindestens 25 Menschen, die meisten Polizei-Rekruten. Dutzende weitere Personen werden verletzt. Die Tat trägt nach Einschätzung der Ermittler die Handschrift der Extremistengruppe al-Qaida.

Rote-Kreuz-Geisel wieder frei
Knapp drei Monate nach seiner Entführung wird am 14. Juli ein französischer Mitarbeiter des Roten Kreuzes wieder frei gelassen. Die Gruppe Ansar al-Sharia, die Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Qaida haben soll, übergibt den 28-jährigen im jemenitischen Shabwa. Der Franzose war am 21. April im Westen des Jemens verschleppt worden, als er in einem Fahrzeug des IKRK unterwegs war.

Am 5. August kommen bei einem neuen Selbstmordattentat auf ein Begräbnis im Süden Jemens mindestens 45 Menschen ums Leben. Ebensoviele werden verletzt. Der Anschlag gilt einem Stammesscheich, der früher die Islamsten-Kämfer unterstützte, sich vor kurzem aber einer regierungstreuen Miliz anschloss.

Nur zwei Tage später wird ein Drohnen-Angriff auf Aufständische ebenfalls im Süden gemeldet. Dabei sollen mindestens zehn mutmassliche Terroristen umgekommen sein.

Am 2. September werden bei einem Luftangriff 14 Zivilisten in ihren Autos getötet worden, darunter drei Frauen und drei Kinder. Die jemenitische Luftwaffe übernimmt die Verantwortung - es handele sich im einen tödlichen Irrtum.

Grund für den Beschuss in Radda in der Provinz Bajda südlich der Hauptstadt Sanaa seien falsche Geheimdienstinformationen gewesen. Die Luftwaffe habe zuvor Hinweise erhalten, nach denen es sich bei den Menschen um Kämpfer der Terrororganisation Al-Kaida handeln sollte.

Unklar ist, ob am Luftangriff eine unbemannte US-Drohne beteiligt war. Die Frage stellt sich, weil nur zwei Tage ein Drohnen-Angriff in der ostjemenitischen Provinz Hadramaut das Leben mehrerer mutmassliche Al-Kaida-Kämpfer fordert.

Tote bei Schmähvideo-Protesten
Am 13. September sterben mindestens drei Menschen bei dem Versuch, die US-Botschaft in Sanaa zu stürmen. Auch hier werden die Angreifer von der Wut auf den Schmähvideo «Die Unschuld der Muslime» geleitet. Der Film soll in den USA hergestellt worden sein und stellt den Propheten Mohammed als Gewalttäter, Frauenhelden und Kinderschänder dar.

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