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Sonntag, 24.6.2012

Nuklearexperte ortet Filz bei Atombehörden

Ein Nuklearexperte ist aus Protest aus der Eidgenössischen Kommission für nukleare Sicherheit ausgetreten. Er wirft dem Bundesamt für Energie, der Aufsichtsbehörde Ensi und der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle Filz vor.

Die Atombehörden sehen sich mit dem «Filzvorwurf» konfrontiert. (Keystone Archiv)

Den Atombehörden wird Filz vorgeworfen. Der Nuklearexperte Marcos Buser hat diesen Vorwurf geäussert und ist aus der Eidgenössischen Kommission für nukleare Sicherheit ausgetreten.

Er habe genug, sagte Buser im Interview mit der «SonntagsZeitung». «Die Suche nach einem Tiefenlager für Atommüll läuft aus dem Ruder, doch alle Empfehlungen von uns unabhängigen Experten werden von den zuständigen Behörden in den Wind geschlagen», sagte er.

«BFE, Nagra und Ensi unter einer Decke»
Weil dem Bundesamt für Energie BFE die Fachkompetenz fehle, könne die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle Nagra das Verfahren im Hintergrund steuern, erklärte Buser, der als Kommissions-Mitglied jahrelang den Bundesrat in Atomfragen beraten hatte. «Diese Behörde (das BFE) entscheidet sehr autoritär über ein Gebiet, in dem sie wenig Fachwissen hat. Das schwächt ihre Unabhängigkeit.»

Dem dem Eidgenössischen Nuklearinspektorat Ensi attestiert Buser zwar mehr Fachwissen als dem BFE, aber es stehe der Nagra ebenfalls zu nahe. «Auch von den Leuten in den Standortregionen höre ich immer dasselbe: BFE, Nagra und Ensi steckten unter einer Decke», sagte Buser.

Informationen austauschen
Der Filz bestehe darin, dass die Mitglieder der verschiedenen Behörden und Stellen miteinander verbandelt seien und Informationen austauschten. «Der Kontrolleur ist Copain mit dem Kontrollierten», fasste Buser seine Kritik zusammen.

Als Beispiel für seine Vorwürfe nennt der Atomexperte den Zeitplan für die Suche nach einem Tiefenlager: Seit 2008 weise die Eidgenössische Kommission für nukleare Sicherheit KNS erfolglos immer wieder darauf hin, dass der Zeitplan unrealistisch sei.

Zudem brauche es Risikostudien, wie der Atomabfall in den Untergrund verfrachtet werden solle. Diese Einwände der KNS würden - auf Anraten der Nagra - von den Behörden nicht beachtet.

Lagersuche falsch konzipiert
Buser übt auch Kritik an der Strategie der Behörden: «Die Lagersuche ist grundsätzlich falsch konzipiert», sagte er. Zurzeit würden Oberflächengebäude an allen möglichen Standorten diskutiert.

Das sei die falsche Reihenfolge: «Zuerst muss man die Geologie anschauen und feststellen, ob sich ein Standort eignet.» Wenn nicht, mache es keinen Sinn, dort über Oberflächenanlagen zu diskutieren.

Uvek prüft Aussagen Busers
Das Eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) bestätigte auf Anfrage den Erhalt von Busers Rücktrittsschreiben. Zu den Vorwürfen wollte Uvek-Sprecher Harald Hammel wegen einer laufenden internen Untersuchungen keine Stellung nehmen: «Wir sind daran, die Aussagen Busers zu den Vorgängen zu prüfen», sagte er.

Gar nicht äussern wollten sich die Nagra und das Ensi, wie deren Sprecher sagten.

Sechs Regionen kommen in Frage
Für ein Atomabfall-Tiefenlager kommen derzeit sechs Regionen in Frage. Anfang Jahr machte die Nagra Vorschläge, wo die oberirdischen Gebäude zu stehen kommen könnten.

Die Vorschläge für die Tiefenlagerportale teilen sich auf die Gebiete Jura-Ost (ehemals Bözberg AG, 4 Vorschläge), Jura-Südfuss (AG, 4 Vorschläge), Nördliche Lägern (AG/ZH, 4 Vorschläge), Zürich Nordost (ZH, 4 Vorschläge), Südranden (SH, 3 Vorschläge) und Wellenberg (NW, 1 Vorschlag) auf.

In einem nächsten Schritt sollen sich die betroffenen Regionen nun äussern können. Schon ungefähr Ende 2012 will die Nagra danach für jedes mögliche Lager einen Standort für die Oberflächenanlagen festlegen.

Sicherheit wird geprüft
In der laufenden zweiten Etappe für die Tiefenlagerauswahl wird in den kommenden vier Jahren auch die Sicherheit der möglichen Standorte geprüft. Am Ende muss die Nagra mindestens zwei Standorte für schwach- und mittelradioaktive Abfälle und mindestens zwei Standorte für hochradioaktive Abfälle auswählen.

Ein definitiver Entscheid des Bundesrats - vor der Zustimmung des Parlaments und absehbarer Referendumsabstimmung - soll spätestens in zehn Jahren fallen. (basn, sda)

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Rendez-vous vom Freitag, 20.1.2012, 12.30 Uhr, DRS 1, DRS 2, DRS 4 News und DRS Musikwelle

Atommülllager: Das Pferd am Schwanz aufgezäumt

Das Bundesamt für Energie benennt 20 mögliche Standorte für ein bis zwei Atommülllager. Dass ein Standort an der Oberfläche gesucht wird, bevor der Untergrund für ein Endlager untersucht ist, stösst auf Kritik.


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