Kritik an Schweizer Bischöfen
Der Einsiedler Abt Martin Werlen fordert die Schaffung einer Liste in Rom, in der angezeigte Kirchenleute registriert werden. «Bei einem Stellenwechsel in eine andere Diözese wo auch immer auf der Welt könnte sich ein Bischof erkundigen, ob etwas Gravierendes vorliegt», sagte Werlen in einem Interview mit dem «SonntagsBlick».
Werlen will seinen Vorschlag an einer ausserordentlichen Sitzung der Bischofskonferenz beraten. Er wolle nicht bis zur ordentlichen Sitzung im Juni warten. «Wir müssen handeln.»
Bischof Brunner plädiert für mehr Informationsaustausch
Der Präsident der Schweizerischen Bischofskonferenz, Bischof Norbert Brunner, ist nicht grundsätzlich gegen ein Register fehlbarer Kirchenleute. Er beurteilt diese Idee jedoch skeptisch.
Viel wichtiger sei es, dass die Bistümer künftig mehr Informationen austauschten über Pädophile in den eigenen Reihen, sagte Brunner gegenüber Schweizer Radio DRS. Nichts hält Brunner von einer automatischen Anzeige gegen fehlbare Priester.
Abt Werlen bemängelt fehlendes Bewusstsein
Im Umgang mit Missbrauchsfällen stelle er grosse Unterschiede fest in der Schweiz, sagte der Einsiedler Abt Werlen. Es gebe Diözesen, in denen man sehr wachsam sei, und solche, «wo man kaum zu merken scheint, in welch schwieriger Situation wir stecken».
Mit seinen Einschätzungen und Forderungen fühle er sich zurzeit «sehr einsam», sagte der Abt, der in den letzten Tagen immer wieder in den Medien Stellung nahm zu Vorwürfen gegen die Kirche. «Ich realisiere, wie nur wenige Verantwortungsträger meines Erachtens die Situation richtig einschätzen.»
Neue Fälle in der Schweiz
In der Schweiz trat in der vergangenen Woche ein Pfarr-Administrator im Kanton Schwyz zurück, nachdem er sexuelle Handlungen in den 1970-er Jahren mit einem minderjährigen Opfer zugab. Auch andere kirchliche Institutionen räumten Fälle ein.
Am Sonntag wurde etwa bekannt, dass ein Mönch des Klosters Disentis einen ehemaligen Schüler der Klosterschule sexuell belästigt haben soll. In den letzten 15 Jahren gingen in der Schweiz 60 Meldungen zu sexuellen Übergriffen in den Kirchen ein.
Bischof Brunner verteidigt bisheriges Vorgehen
Erneut verteidigte Bischof Brunner die Praxis der Kirche, bei Missbrauchsfällen nicht automatisch Anzeige zu erstatten. Sie tue dies wegen des Opferschutzes nur, wenn das Opfer einverstanden sei. Wenn ein Bischof oder ein Priester von einem Missbrauch erfahre, müsse er den Täter dazu auffordern, sich selbst anzuzeigen.
In Brunners Augen trägt in erster Linie der Täter die Verantwortung für sein Vergehen, nicht die Kirche, wie er in der «NZZ am Sonntag» sagte. Für die bekannt gewordenen Missbrauchsfälle in der Schweiz will er sich denn auch nicht entschuldigen. Wichtig sei, dass ein Bischof solche Fälle echt bedauere - «und das tue ich».
Schweizer Bischöfe fühlen sich vom Papst bestätigt
Bestärkt in ihrem Vorgehen fühlen sich die Bischöfe durch den jüngsten Hirtenbrief, den der Papst am Samstag zu den Missbräuchen in der irischen Kirche veröffentlichte. Der Brief bestätige die Richtlinien aus dem Jahr 2002, sagte ein Sprecher der Bischofskonferenz auf Anfrage.
Bekräftigt werde im Brief die Haltung, dass im Interesse der Opfer gehandelt werden müsse. Das stehe bereits heute im Zentrum. (bat, sda)
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