«Wir sehen sehr grausame Dinge in Syrien»
Ein Wohnviertel in Damaskus wird zum Kampfgebiet zwischen Regierungstruppen und Opposition. (Reuters)
Die Politikwissenschaftlerin Kristin Helberg ist freie Journalistin in Berlin. Von 2001 bis 2008 hat sie als einzige akkreditierte westliche Korrespondentin in Damaskus gelebt und für verschiedene deutschsprachige Medien gearbeitet, darunter auch Radio DRS und NZZ. Letztmals war sie im Februar 2011 in Syrien. Im April 2011 wurde ihr die Einreise verweigert.
Von DRS-Redaktorin Christina Scheidegger
Wie muss die aktuelle Situation rund um Damaskus eingeschätzt werden?
Kristina Helberg: Die Kämpfe sind, wie es aussieht, tatsächlich ungewöhnlich intensiv und kommen dem Zentrum der Hauptstadt immer näher. Die Armee greift mehrere Stadtteile gleichzeitig am südlichen Rand von Damaskus an, auch mit schwerer Artillerie. Bewohner versuchen diese Stadtteile zu verlassen. In den betroffenen Gebieten haben sich Kämpfer der Opposition verschanzt. Insofern versucht die Armee diese Gegenden unter Kontrolle zu bekommen. Es soll auch die Strasse zum Flughafen betroffen sein. Das wäre eine bedeutende Entwicklung, denn diese Strasse ist überlebenswichtig für den Alltag in Syrien.
Neu hat sich Iran offiziell als Vermittler angeboten im Konflikt. Kann Iran die festgefahrenen Friedensbemühungen wieder in Gang bringen?
Helberg: Ich bin sehr skeptisch, dass Iran hier eine Schlüsselrolle spielen kann. Iran hat zwar nach wie vor grossen Einfluss in Damaskus, wird aber von der syrischen Opposition als Vermittler abgelehnt. Es ist einfach zu offensichtlich, wie Teheran dem Assad-Regime in den letzten Monaten bei seinem Überlebenskampf geholfen hat. Es gibt iranische Kämpfer in Syrien, die an der Seite des Regimes kämpfen. Dafür gibt es inzwischen Belege. Insofern ist das aus Sicht der Opposition ein unglaubwürdiger Vermittler. Und ausserdem hat Iran schon selbst die Bedingung formuliert, dass Assad an der Macht bleiben soll. Aus der Sicht der Opposition klingt das wie ein schlechter Witz.
Griffige internationale Sanktionen sind bisher verhindert worden. Geht also das Blutvergiessen in Syrien unverändert weiter?
Helberg: Unter Syriens Opposition hat sich weitgehend die Erkenntnis durchgesetzt, dass erstens dieses Regime nur mit Gewalt zu besiegen ist und, dass zweitens die Syrer in diesem Kampf alleine sind. Das führt zu einer wachsenden Bewaffnung und einer sich weiter drehenden Spirale der Gewalt. Besonders bedrohlich sind neue Nachrichten, dass das Assad-Regime seine Chemiewaffen aus den Lagern geholt haben soll. Britische Geheimdienstquellen lassen das verlautbaren.
Das syrische Regime besitzt tatsächlich beachtliche Chemiewaffenarsenale – wahrscheinlich die grössten in der Region. Vor allem Senfgas und den Nervenkampfstoff Sarin. Es bleibt abzuwarten, wozu diese Waffen jetzt aus den Lagern geholt werden. Auf jeden Fall ist das eine bedrohliche Entwicklung.
Wenn das Regime um Assad solche Chemiewaffen tatsächlich einsetzt, wäre denn nicht das spätestens der Zeitpunkt, zu dem die internationale Gemeinschaft eingreifen muss?
Helberg: Die internationale Gemeinschaft hat in diesem Zusammenhang zwei Hauptsorgen. Vor allem die USA und ihre Verbündeten. Nämlich erstens, dass Assad diese Chemiewaffen jetzt gegen die eigene Bevölkerung einsetzt und zweitens, dass diese im Falle eines Regimesturzes in die Hände von terroristischen Gruppen fallen - wenn dort ein Chaos ausbrechen sollte, eine Situation, die sich nicht kontrollieren lässt. Washington bereitet sich angeblich schon darauf vor, indem Spezialeinheiten aus Jordanien in das Land gehen würden, um diese syrischen Chemiewaffenlager zu sichern.
Was die Welt unternimmt, wenn das syrische Regime diese nun gegen die Bevölkerung einsetzt, weiss ich ehrlich gesagt nicht. Ich bin mir nicht sicher, dass dann eine Militärintervention sofort in Gang kommt, denn weltweit sind eigentlich alle Staaten immer noch gegen eine solche Intervention. Und wir sehen bisher sehr grausame Dinge in Syrien, die kein massives Eingreifen bewirkt haben. Insofern bin ich mir da gar nicht sicher, ob das dann eine ausländische Militärintervention zu Folge hätte. (wedj)
Mehr zum Stichwort:
