Klagen verzögern Merkels Schritte zur Euro-Rettung
Bundeskanzlerin Angela Merkel kann die vom Parlament angenommenen Massnahmen zur Euro-Rettung noch nicht durchführen - wegen Klagen. (Keystone)
Sofort nach Verabschiedung des dauerhaften Euro-Rettungsschirms ESM und des europäischen Fiskalpakts gingen bis Samstagmittag in Karlsruhe sechs Klagen ein. Dies bestätigte am Samstag die Gerichtssprecherin.
Die Linke und andere Kläger sehen einen gefährlichen Eingriff in die deutschen Haushaltskompetenzen und eine Aushebelung demokratischer Rechte. Sie wollen erreichen, dass das Bundesverfassungsgericht die neuen EU-Verträge vorläufig stoppt, da sie sowohl den Rettungsschirm ESM wie auch den Fiskalpakt für verfassungswidrig halten.
Innerdeutsche Klagen
Bereits in der Nacht auf Samstag hatte ein Bote die Verfassungsbeschwerde des Vereins «Mehr Demokratie» eingereicht, der sich nach Vereinsangaben rund 12'000 Bürger angeschlossen haben. Auch die Beschwerdeschrift des christlich-sozialen Politikers Peter Gauweiler (CSU) wurde von einem Boten an der Pforte des Gerichts abgegeben.
Hinzu kommen nach Angaben des Gerichts Antragsschriften der Linken-Fraktion im Bundestag, einer Gruppe von Klägern um den emeritierten Nürnberger Staatsrechtler Karl Albrecht Schachtschneider sowie eines Privatmanns. Die sechste Klage liegt bereits seit einigen Tagen in Karlsruhe vor; auch sie stammt von einem Bürger.
Zustimmung in Bundestag und Bundesrat
ESM und Fiskalpakt wurden in Bundestag und Bundesrat am Freitagabend gegen die Stimmen der Linken mit Zweidrittel-Mehrheiten beschlossen. Im Bundesrat stimmte nur das linksregierte Bundesland Brandenburg nicht dafür.
Bei den ESM-Abstimmungen im Bundestag verfehlte die schwarz-gelbe Koalition (CDU-CSU/FDP) jedoch die Kanzlermehrheit von 311 Stimmen. Der Fraktionsgeschäftsführer der Sozialdemokraten (SPD), Thomas Oppermann, meinte dazu am Samstag: «Angela Merkel hat bei den Abstimmungen über den ESM gleich dreimal hintereinander die Kanzlermehrheit verfehlt.»
Merkel verfehlt Kanzlermehrheit
Dies betreffe die Abstimmungen am Freitag zur Ratifizierung des ESM, das Gesetz zur Finanzierung des ESM wie auch den Vertrag über die Arbeitsweise der EU. «Das war kein Unfall. Angela Merkel hat schlicht keine eigene Mehrheit mehr für ihren Kurs.»
In einer Kanzlerdemokratie müsse in allen grundsätzlichen Fragen die Kanzlermehrheit stehen. «Wir erleben den Anfang vom Ende der Ära Merkel», so Oppermann.
Die deutsche Kanzlerin Merkel hatte am Freitag noch vor den Abstimmungen in einer Regierungserklärung gesagt, der Bundestag mache der Welt mit seinem Votum deutlich: «Wir stehen zum Euro.» SPD und Grüne hatte die deutsche Kanzlerin mit der Zusage einer Finanztransaktionssteuer und eines Milliardenprogramms für Wachstumsimpulse auf ihre Seite gebracht.
Inkrafttreten des ESM verzögert
Der Anfang März an einem EU-Gipfel in Brüssel beschlossene Fiskalpakt verpflichtet Deutschland, im Bund, Ländern und Kommunen ausgeglichene Haushalte anzustreben. Ferner sollen die Unterzeichnerstaaten nationale Schuldenbremsen einführen - bei zu geringem Sparen könnte Deutschland vor dem Europäischen Gerichtshof auf Strafen verklagt werden.
Der ESM mit einem Stammkapital von 700 Milliarden Euro soll kriselnde Euro-Staaten unterstützen - Deutschland haftet mit 200 Milliarden Euro. Bis zu einer Entscheidung des deutschen Verfassungsgerichts liegt die deutsche Ratifizierung nun auf Eis.
Damit kann der ESM nicht wie geplant zum 1. Juli in Kraft treten. Wird er von den Karlsruher Richtern gar gekippt, dürfte dies für gröbere Turbulenzen in der Eurozone sorgen. (basn, sda/dpa/dapd)
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