Ein Ende der Tiefzinsphase ist nicht in Sicht
Die Zinsen sind tief, die Nachfrage nach Krediten gross. (Keystone)
Von Wirtschaftsredaktorin Barbara Widmer
Während die schuldengeplagten Euro-Krisenländer rekordhohe Zinsen zahlen müssen, um an frisches Geld zu kommen, zeigt sich hierzulande das umgekehrte Bild: Die Zinsen sind so tief wie nie. Das Sparbuch wirft praktisch nichts mehr ab. Und auch wer sein Geld langfristig anlegen will verdient kaum mehr etwas.
Das zeigt sich eindrücklich bei der Rendite der zehnjährigen Bundesobligationen. Der wichtigste Indikator für Langfristzinsen fiel diese Woche auf rekordtiefe 0,42 Prozent. Für alle, die Schulden haben, ist das eine gute Nachricht. Aber Sparerinnen und Sparer stehen auf der Verliererseite - und das wohl noch auf Jahre hinaus.
Kreditvergabe in der Schweiz steigt
Ob Hypothek oder Kleinkredit: Die Konsumenten greifen zu und profitieren von den tiefen Zinsen. Das sagt Jan Poser, Chefökonom der Bank Sarasin. Man sehe dies daran, dass die Kreditvergabe in der Schweiz «ganz ansehlich» steige.
Eine Folge davon ist der Immobilienboom, der beispielsweise in der Region Zürich oder in der Genfersee-Region zu einer gefährlichen Blase auszuwachsen droht. Die Zinsen sind rekordtief. Entsprechend billig sind Hypotheken. Deshalb können sich gegenwärtig auch Leute mit engen Budgets Wohneigentum leisten.
Rekordtiefe langfristige Zinsen
Wer Schulden hat oder Schulden macht, profitiert also von der Tiefzinsphase. Sparer hingegen haben das Nachsehen. Ihr Kapital wächst praktisch nicht mehr.
In der Schweiz sind die Langfrist-Zinsen diese Woche auf einen historischen Tiefstand gefallen. Wer sein Geld in Schweizer Staatsanleihen investiert, erhält für eine Obligation mit 10-jähriger Laufzeit weniger als ein halbes Prozent Zins pro Jahr.
Bei Papieren mit kürzeren Laufzeiten ist die Rendite sogar negativ, das heisst, die Anleger sind sogar bereit etwas dafür zu zahlen, dass sie der Eidgenossenschaft Geld leihen. Dies alles sind Folgen der Finanzkrise, die seit 5 Jahren die Weltwirtschaft belastet.
Sparer bezahlen für die Schulden der Staaten
Für den Ökonomen Poser ist klar, dass wegen der hohen Staatsschulden, die nun in vielen Ländern abgebaut werden müssten, die Geldschleusen noch lange offen bleiben werden. «Die Sparer bezahlen für die Schulden auf der Welt - durch die tiefen Zinsen», sagt er.
Im Normalfall wären für die Schweiz Langfrist-Zinsen von rund 3 Prozent angemessen, schätzt er. Aber zur Zeit sind wir weit weg vom Normalfall. Denn Anleger rund um den Globus wollen ihr Geld parkieren, auch in der Schweiz. Vielen gilt sie als Hort der Stabilität in einem schuldengeplagten Umfeld.
Entsprechend gross ist die Nachfrage nach Franken und entsprechend gross ist der Aufwertungsdruck auf die Schweizer Währung. Der Nationalbank bleibt in dieser Situation keine andere Wahl als zu versuchen, den Frankenkurs zu drücken. Sie flutet den Markt mit zusätzlichen Franken und senkt die Zinsen auf Null. «Das ist der Preis, den wir für die Finanzblase der letzten Jahre zahlen», sagt Sarasin-Ökonom Poser.
Vorerst keine Inflation zu erwarten
Wenigstens ist das Preisniveau stabil. Anders als in früheren Wirtschaftskrisen frisst also nicht die Teuerung auch noch einen Teil der Spargelder weg. Und das dürfte auch noch länger so bleiben, schätzt Jan Poser.
Die Tiefzinsphase kann also noch jahrelang andauern. Und so stehen kleine und grosse Investoren - Kleinsparer ebenso wie die Pensionskassen, die Milliarden-Vermögen verwalten - wohl noch länger vor der Frage, was zu tun sei.
Einige setzen auf riskantere Anlagen. Sie kaufen Aktien, Häuser, Rohstoffe und hoffen, so ansprechende Renditen zu erzielen. Wer sich zusätzliches Risiko nicht leisten kann oder will, muss sich mit bescheideneren Erträgen zufrieden geben und vielleicht sogar den Gürtel enger schnallen.
Viele Pensionskassen beispielsweise fangen an, ihr Leistungsniveau zu senken. Neben Sparern zahlen also wohl auch bald Neurentnerinnen und -rentner ihren Preis für die Finanzblase. (pet)
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