ILO: Arbeitslosigkeit und Unruhen nehmen zu
Tausende protestierten am Sonntag in ganz Spanien gegen die Sparpolitik der Regierung: Trotz massiver Kürzungen ist jede vierte Person arbeitslos. (Keystone)
Der Jahresbericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zeigt ein düsteres Bild der Arbeitsmärkte. Ende 2011 seien weltweit 196 Millionen Menschen arbeitslos gewesen, Ende 2012 werden es 202 Millionen sein, heisst es in dem Bericht.
Zwar erhole sich die Weltwirtschaft langsam, doch die Zahl der Arbeitslosen werde weiter steigen. Sparmassnahmen und Reformen hätten keine neuen Arbeitsplätze geschaffen.
Europa hat die Krise noch nicht ausgestanden
In den Industrieländern und dort vor allem in Europa werde die Beschäftigung nicht vor Ende 2016 wieder das Niveau wie vor der Krise 2008 erreichen. Die ILO hatte bislang eine solche Besserung bis Ende 2014 erwartet. Die schlechte Entwicklung werde einhergehen mit einer Abschwächung der Produktion.
40 Prozent der Arbeitslosen in den entwickelten Ländern im Alter zwischen 25 und 49 Jahren hätten bereits seit mehr als einem Jahr keinen Job mehr, erklärte die ILO. Vor allem unter den jungen Erwachsenen habe sich die Zahl der Arbeitslosen stark erhöht, was zu einem steigenden Risiko sozialer Unruhen etwa in Afrika und dem Nahen Osten führe.
Deutschland muss Rahmenbedingungen verbessern
Deutschland indes gehört der Organisation zufolge ebenso wie die Schweiz und Österreich zu den wenigen Ländern, die seit 2007 steigende Beschäftigungsraten haben. Für Deutschland ist laut ILO nun die grösste Herausforderung, die Reallöhne an die Produktivitätsentwicklung anzupassen.
Ausserdem müssten die Rahmenbedingungen für so genannte atypische Beschäftigungsverhältnisse verbessert werden. Damit werden befristete Verträge, Leiharbeit, Teilzeitstellen mit bis zu 20 Stunden pro Woche sowie gering bezahlte und kurzfristige Jobs bezeichnet. Besonders betroffen von solchen unsicheren Beschäftigungsverhältnissen sind Frauen.
«Finanzwirtschaft sollte nicht die Politik bestimmen»
In ihrer weltweiten Analyse unter dem Titel «Bessere Arbeit für eine bessere Wirtschaft» hält Studienautor Raymond Torres fest: «Die Beschäftigungssituation verschlechtert sich in Europa, und in vielen anderen Ländern verbessert sie sich nicht mehr. Das heisst, die weltweite Beschäftigungskrise hat eine neue, strukturelle Phase erreicht.»
Die sich verschlechternde Entwicklung weise auf die Wohlstandsfalle in hoch entwickelten Volkswirtschaften hin, vor allem in Europa. Diese greife auf andere Länder über. Als mögliche Lösung hält der Bericht fest, die Staaten müssten anerkennen, dass arbeitsplatzfördernde Politik einen positiven Effekt auf die Wirtschaft ausübe: «Die Stimme der Finanzwirtschaft sollte nicht den politischen Entscheidungsprozess bestimmen».
Risiko sozialer Unruhen wächst
Für den Bericht untersuchte die ILO auch den Zusammenhang zwischen der Arbeitsmarktsituation und dem Risiko sozialer Unruhen. In 57 von 106 untersuchten Ländern stieg dieses Risiko an und war in Afrika und im Nahen Osten am höchsten. In Ländern, wo die Beschäftigung zunahm oder sich die Qualität der Arbeitsplätze verbesserte, ging das Risiko zurück. Das war in einigen Ländern Lateinamerikas und Asiens der Fall.
Die Internationale Arbeitsorganisation ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen. 183 Staaten sind Mitglied der ILO. Dabei sind auch die jeweiligen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen mit Sitz und Stimme vertreten. (bat;pet, sda/reuters/dpa)
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