Wahlen im politischen Vakuum
Mohammed Mursu, der Kandidat der Muslimbrüder, nach der Stimmabgabe in al-Sharqya: Die Macht im Land dürfte auch nach dem Wahlsonntag beim Militär liegen. (Reuters)
In Ägypten hat die zweite und entscheidende Runde der Präsidentenwahl begonnen. Die rund 52 Millionen Wahlberechtigten müssen zwischen dem früheren Minister Ahmed Schafik und Mohammed Mursi von der Muslimbruderschaft entscheiden.
Erste Ergebnisse wohl nicht vor Montag
Ersten Berichten zufolge gab es bislang keine Zwischenfälle. Das Interesse der Menschen an der Wahl scheint bislang geringer zu sein als in der ersten Runde am 23. und 24. Mai. Das Militär hat rund 400'000 Soldaten, um die Sicherheit zu gewährleisten. Die Wahl endet am Sonntagabend. Mit ersten belastbaren Ergebnissen wird einen Tag später gerechnet.
Die Wahl hätte ursprünglich den Übergang zu demokratischen Verhältnissen abschliessen sollen, nachdem Massenproteste den Langzeitmachthaber Husni Mubarak im Februar 2011 zum Rücktritt gezwungen hatten. Zwei Tage vor der Wahl hatte jedoch das Verfassungsgericht überraschend das erst vor wenigen Monaten gewählte Parlament aufgelöst. Islamistische Parteien und Gruppen hatten darin mehr als zwei Drittel der Sitze.
Macht bleibt wohl beim Militär
Damit wird am Sonntag zwar ein neues Staatsoberhaupt gewählt. Weil es jedoch kein Parlament mehr gibt, dürfte der Oberste Militärrat die Macht im Land auch in den kommenden Monaten de facto bei sich behalten. Viele Ägypter wollten deshalb die zweite Wahlrunde boykottieren. Die Militärs hatten nach dem Sturz Mubaraks die Macht übernommen, aber immer wieder zugesagt, sie würden sie nach einer Übergangszeit und Wahlen an Zivile abgeben.
Andere Ägypter bleiben der Wahl fern, weil sie keinem der beiden Kandidaten ihre Stimme geben wollen. Schafik gilt vielen als Vertreter des alten Regimes. Ebensowenig wollen viele aber einen islamischen Staat mit Muslimbrüdern in allen wichtigen Ämtern. Die Mehrheit der Ägypter wünscht sich dagegen vor allem einen Staat, der funktioniert, was Schafik in die Hände spielen könnte. (ank, dpa)
