Atomexperte Buser gab Nagra-interne Notiz weiter
Auch ein Abfallproduzent: Das Atomkraftwerk in Gösgen. (Keystone)
- Mittwoch, 10.10.2012: Der Bund will die Nagra enger begleiten
- Montag, 8.10.2012: Nagra-Führung wird zu Gespräch zitiert
- Montag, 8.10.2012: Chronologie: Die Suche nach einem Endlager
- Montag, 8.10.2012: Rücktrittsforderung an die Führung der Nagra
- Sonntag, 7.10.2012: Nagra-Papier wirft Fragen und Unsicherheit auf
Nach der Veröffentlichung des Nagra-Papiers über mögliche Atommüll-Endlager ist die Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) nun selber in die Offensive gegangen. Sie teilte mit, das interne Dokument sei in die Hände von Nuklearexperte Marcos Buser und Geologie-Professor Walter Wildi gelangt.
Die beiden Experten sind in den vergangenen Monaten wiederholt als Atom- respektive Nagra-Kritiker aufgefallen. Buser habe die Notiz von einem inzwischen pensionierten Nagra-Mitarbeiter erhalten, heisst es in der Mitteilung der Nagra.
Das Schreiben besteht zur Hauptsache aus Zitaten des ehemaligen Mitarbeiters, der die Verantwortung für das Informationsleck seitens der Nagra übernimmt. Nach zwei «schlaflosen Nächten» habe er sich dazu entschieden, die Nagra-Mitarbeitenden vom Generalverdacht zu entlasten, etwas mit dem Informationsleck zu tun zu haben, wird der Mann zitiert.
Der ehemalige Mitarbeiter hat demnach das Papier an Marcos Buser weitergegeben, als dieser noch Mitglied der Eidgenössischen Kommission für nukleare Sicherheit (KNS) war. Die Annahme, dass Buser die Aktennotiz vertraulich behandle, sei rückblickend wohl naiv gewesen.
«Man rechnet nicht damit, dass so ein vertrauliches Dokument von einem KNS-Mitglied weitergegeben wird», sagte Nagra-Sprecherin Jutta Lang der Nachrichtenagentur sda. Das Vertrauensverhältnis zwischen der Nagra und der KNS sei wichtig.
Buser räumt Weitergabe ein
Marcos Buser und Walter Wildi räumten im Gespräch mit der sda ein, die Aktennotiz erhalten zu haben. «Man kann dem Nagra-Mitarbeiter nur gratulieren», sagte Wildi. Die Öffentlichkeit wisse nun, dass die Nagra intern anders rede als sie es gegen Aussen kommuniziere.
Marcos Buser verfügt seit vergangenem Dezember über eine Vorfassung des Papiers, wie er sagte. «Ich habe mich über Monate hinweg darum bemüht, dass die Behörden des Bundes die Entstehung dieses explosiven Papiers untersuchen.»
Doch weder das Eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) noch das Bundesamt für Energie (BFE) oder das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) hätten etwas getan.
Im vergangenen Juni trat Buser unter Protest aus der KNS aus. Nach den erfolglosen Versuchen, die Behörden aufzurütteln, habe er beschlossen, zusammen mit dem Genfer Geologie-Professor Walter Wildi ein Buch zu schreiben. In diesem Zusammenhang gab Buser vor wenigen Wochen die Aktennotiz an Wildi weiter - mit dem Hinweis, diese sei vertraulich.
Kritik an der Leck-Debatte
An einer Sitzung der Arbeitsgruppe des Bundes für die nukleare Entsorgung (Agneb) gab Wildi bekannt, dass er über das Nagra-Papier Bescheid wisse. Wie das Nagra-Dokument schliesslich an die «SonntagsZeitung» gelangte, wollte Wildi nicht sagen.
Auch Buser schwieg sich zu diesem Thema aus. Er habe das Papier aber am 26. September dem Zürcher Regierungsrat Markus Kägi sowie einem Mitarbeiter Kägis übergeben. Ein Mitarbeiter Kägis bestätigt dies. Der Zürcher Regierungsrat traf sich demnach am 5. Oktober mit Buser und telefonierte in dieser Sache einen Tag später auch mit Energieministerin Doris Leuthard.
Man habe mit Buser vereinbart, die Angelegenheit mit allen Beteiligten - dem Ensi, der Nagra, dem BFE und dem Ausschuss der Kantone - zu besprechen, sagte der Sprecher Kägis. Zu diesem Zeitpunkt sei die «SonntagsZeitung» offenbar bereits im Besitz des Papiers gewesen.
Uvek informiert im November
Auch das Uvek hat nach eigenen Angaben erst «seit kurzem» Kenntnis von der Aktennotiz der Nagra, wie das Departement auf Anfrage der sda mitteilte. Von Buser habe man nie eine solche erhalten. Nach den Rücktritten Busers und Wildis seien aber Abklärungen ausgelöst worden. Diese würden voraussichtlich im November abgeschlossen. Dann werde das Uvek informieren.
«Die Nagra leitet mit der Leck-Diskussion die Aufmerksamkeit vom Grundproblem ab», sagte Wildi. Das Grundproblem sei nämlich, dass bei der Auswahl der Endlager-Standorte «gemischelt» werde.
Auswahl eingeschränkt
Vergangenen Sonntag hatte die «SonntagsZeitung» das interne Nagra- Papier, das vom 18. November 2011 datiert, veröffentlicht. Darin nennt die Nagra auf einer Tabelle zum Bohrprogramm zwei Standorte für ein Atommüll-Endlager: Zürich Nordost (Weinland) für hochradioaktive Abfälle und Jura Ost (Bözberg/AG) für schwach- und mittelradioaktive Abfälle.
Die Nagra reagierte auf die Veröffentlichung mit der Mitteilung, dass es sich nur um ein Referenzszenario handle, um finanzielle Berechnungen durchzuführen.
Das Auswahlverfahren für einen Standort zur Lagerung des Atommülls soll bis 2020 zu einem Ergebnis führen. Ziel ist ein Lager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle sowie eines für hochradioaktive Abfälle oder ein Kombilager.
Für die Tiefenlager kommen sechs Standorte in Frage: Südranden/SH, Nördlich Lägeren AG/ZH, Zürich Nordost ZH/TG, Jura Ost/AG, Jura Südfuss SO/AG und Wellenberg NW/OW. (lin,wedj;pet, sda)
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