Die zweite Röhre freut nicht alle
Der Entscheid widerspricht der Meinung des Urner Volkes. (Archiv Keystone)
Der Entscheid des Bundesrats sei «höchst fragwürdig» und untergrabe den Willen des Volkes, welches sich für eine Verkehrsverlagerung auf die Schiene ausgesprochen habe, schreibt die SP Schweiz in einer Stellungnahme. Sie will den Bau einer zweiten Gotthard-Röhre mit einem Referendum verhindern.
Die Schweiz habe Milliarden von Franken in die Neat investiert, um die Verlagerung auf die Schiene zu forcieren. Der Ausbau der Strassenkapazitäten am Gotthard würde diesen Investitionen zuwider laufen.
«Auf den Leim gekrochen»
«Der Entscheid des Bundesrates für eine zweite Gotthardtunnelröhre ist irrational», kommentiert die Alpeninitiative. Der Bundesrat sei offensichtlich «unter dem Druck der Wirtschafts- und Strassenlobbies der Propaganda-Kampagne der Röhrenturbos auf den Leim gekrochen» und desavouiere damit alle seine eigenen Experten; eine zweite Röhre könne gar nicht rechtzeitig vor einer Sanierung in Betrieb gehen, schreibt das Komitee, dem es 1994 mit einer Initiative gelang, den Alpenschutz in der Verfassung zu verankern.
Urner Regierung enttäuscht
Die Urner Regierung ist enttäuscht vom Entscheid des Bundesrates. Der Entscheid widerspreche auch klar der Meinung des Urner Volkes, sagt Baudirektor Markus Züst.
Positiv wertet Züst, dass der Bundesrat weiterhin an der Verlagerung auf die Schiene festhält. Und dass er ein Gesetz in Aussicht stellt, mit dem eine Kapazitätserhöhung verhindert werden soll. Das töne gut, so Züst. Allerdings bestehe die Gefahr, dass die vier Spuren dann halt doch einmal genutzt werden.
Die Urner Regierung wolle vorerst die Gesetzgebung abwarten, sagt Züst weiter. Und dann werde das Volk darüber entscheiden müssen. Das werde frühestens 2015 der Fall sein. Bis dahin werde noch viel Wasser die Reuss hinunter fliessen.
Grosse Genugtuung
Mit grosser Genugtuung nimmt auto-schweiz, die Vereinigung Schweizer Automobil-Importeure, den Entscheid des Bundesrates auf. Zum einen sei er ein Bekenntnis zum Kanton Tessin, dem man eine mehrjährige Isolation durch Vollsperrung während der notwendigen Sanierungsarbeiten nicht zumuten wolle.
Zum anderen bedeute der Beschluss, dass der Bundesrat dem Faktor «Verkehrssicherheit» endlich die ihm zustehende Bedeutung zugesteht. Die richtungsgetrennte Verkehrsführung in zwei unabhängigen Röhren verhindert nicht nur die gefürchteten Frontal- und Streifkollisionen, sondern ermöglicht bei einem allfälligen Zwischenfall auch, dass der Verkehr nicht gänzlich zum Erliegen kommt.
Auch der TCS begrüsst den Entscheid des Bundesrates. Er gehe davon aus, dass das Projekt in das noch zu erstellende strategische Entwicklungsprogramm für die Strasseninfrastruktur aufgenommen und im Rahmen dieses Programms finanziert werde, schreibt der Verband. Auf diese Weise lasse sich verhindern, dass mögliche regionale Interessen gegeneinander ausgespielt werden können, welche zu einer jahrelangen Isolierung des südlichen Landesteils führen würden.
«Quantensprung in Sachen Sicherheit»
Begrüsst wurde der Bundesratsentscheid auch vom Schweizerischen Nutzfahrzeugverband Astag. Im Interesse der Sicherheit sei es zwingend notwendig, dass zuerst eine zweite Röhre gebaut werde. Alle anderen Varianten mit einer Total- oder Teilsperrung seien «völlig illusorisch» und würde zu grossen volkswirtschaftlichen Schäden führen.
In ähnlichem Sinne äusserte sich der Automobil Club der Schweiz. Der ACS begrüsse insbesondere auch den mit einer zweiten Röhre zu erzielenden «Quantensprung in Sachen Sicherheit», heisst es in einer Mitteilung. Gemessen an den Verkehrsleistungen weise der doppelspurige, nicht richtungsgetrennte Gotthard-Strassentunnel heute das grösste Unfallrisiko bzw. Gefahrenpotenzial aller Schweizer Nationalstrassentunnels auf. (lin, sda)
