Pussy Riot: Punkerinnen gegen Putin
Musik als Mittel zum Zweck: Die Provokation steht bei Pussy Riot im Vordergrund.
- Freitag, 2.11.2012: Medwedew stellt Haft für Pussy Riot in Frage
- Montag, 22.10.2012: Pussy-Riot-Mitglieder in Straflager verlegt
- Mittwoch, 10.10.2012: Haft für eine Musikerin von Pussy Riot aufgehoben
- Donnerstag, 23.8.2012: Menschenrechtsbeauftragter: «Urteil übertrieben»
- Samstag, 18.8.2012: Pussy Riot singen weiter gegen Putin
- Freitag, 17.8.2012: Scharfe Kritik am ersten Urteil gegen Pussy Riot
Mit farbigen Strümpfen über dem Kopf schreien Pussy Riot mit wütenden Parolen gegen das russische System an. Die brachiale Musik ist zweitrangig und eher ein Vehikel für ihre Botschaft. Als Bühne suchen sie sich regelmässig symbolträchtige Schauplätze wie den Roten Platz vor Russlands Machtzentrale Kreml aus. Dementsprechend kurz sind ihre Konzerte: Meist reicht es nur für ein bis zwei Songs, bis die Polizei anrückt.
Pussy Riot sind eine lose Gruppe von 10 Frauen. Die Band versteht sich als musikalische Protestaktion und orientiert sich an der Riot Grrrl-Bewegung der frühen 90er-Jahre, als feministische Formationen wie Bikini Kill gegen die männliche Dominanz im Musikbusiness anschriehen. Im Gegensatz zu ihren amerikanischen Vorbildern, haben die Russinen einen besonders dominanten Mann ausserhalb des Musikbusiness als Feindbild erkoren: Ministerpräsident Vladimir Putin.
7 Jahre Straflager für 2 Minuten Punk-Gebet
Ihr Auftritt vom 21. Februar 2012 in der Christ-Erlöser Kathedrale in Moskau brachte das Fass zum überlaufen. Mit den Worten «Mutter Gottes, du Jungfrau, vertreibe Putin!» beteten sie lautstark für die Erlösung Russlands vom von ihnen verhassten Ministerpräsidenten. Zwei Wochen nach dieser Darbietung wurden drei der vier beteiligten Aktivistinnen verhaftet. Sie warten seither in Untersuchungshaft auf ihren Prozess, welcher heute starten soll.
Nun drohen Nadeschda Tolokonnikowa (22), Maria Aljochina (24) und Jekaterina Samuzewitsch (29) für difuse Vorwürfe wie «Rowdytum» und «Hooliganismus aus Gründen religiösen Hasses» bis zu sieben Jahre Straflager. Der Diakon der Kathedrale, Andrej Kurajew, räumt ein, dass es im Rahmen der Aktion zu keiner Sachbeschädigung kam: «Der Vorsteher der Erlöserkathedrale sagte nach der Aktion, dass die Kirche nicht entweiht worden sei». Dass nur drei der insgesamt 10 Mitglieder der Gruppe angeklagt wurden, lässt vermuten, dass es sich beim Prozess um eine reine Machtdemonstration Putins handelt.
Rückendeckung von Weltstars und NGOs
Dank YouTube ging der streitbare Auftritt von Pussy Riot um die Welt. Mittlerweile rufen selbst die Red Hot Chilli Peppers auf der Bühne zur Solidarität mit den inhaftierten Musikerinnen auf. Die Unterstützung der wiedervereinigten Crossover-Helden Faith No More fällt um einiges handfester aus. Anfangs Juli engagierte die Band die verbliebenen Mitglieder von Pussy Riot kurzerhand als Support für ihr Konzert in Moskau. Faith No More-Sänger Mike Patton liess es sich nicht nehmen, selbst in Strumpfmaske aufzutreten.
Auch Amnesty International ist mittlerweile auf die Punkerinnen aufmerksam geworden und befürchtet, dass an ihnen ein Exempel statuiert werden soll: «Es ist schon unverhältnismäßig, dass sich die Frauen seit mehr als vier Monaten wegen eines Tatvorwurfs in Untersuchungshaft befinden, der allenfalls den Tatbestand einer Ordnungswidrigkeit erfüllen kann», sagt Peter Franck, Russland-Experte von Amnesty International.
Die Frage, ob die internationale Aufmerksamkeit den Angeklagten eher schadet oder nützt, bleibt offen. Sicher ist, dass das Urteil ein wichtiger Gradmesser für die freie Meinungsäusserung im heutigen Russland unter Putin sein wird.
