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Dienstag, 5.6.2012

Mit dem Handy bezahlen - wann endlich?

Aus der Abteilung «Dinge, die schon lange möglich sein sollten»: Bezahlen mit dem Handy. Seit gut 10 Jahren liegt das Versprechen in der Luft, die Rechnung an der Ladenkasse bequem mit dem Handy zu begleichen. Wir erklären, warum das noch nicht Alltag ist und schauen, was in Zukunft möglich sein wird.

Geldbeutel 2.0

Warum zücken wir heute nicht einfach das Smartphone, wenn es ums Bezahlen geht? Ein wichtiger Grund sind die fehlenden Standards. Das Geschäft mit dem «Mobile Payment» kennt viele Mitspieler: Banken und Kreditkartenfirmen, Läden und Telekom-Anbieter. Sie alle haben unterschiedliche Ziele und Interessen, was einer gemeinsamen Lösung bisher entgegenstand.

Doch seit einiger Zeit ist Bewegung in der Sache. In der Schweiz etwa haben sich die Swisscom, Sunrise und Orange zu einer Arbeitsgruppe zusammengeschlossen, um Standards beim Zahlen mit dem Handy festzulegen und Insellösungen zu vermeiden.

Smartphones sind überall dabei
Und auch was die Geräte betrifft, gibt es Fortschritte: Etwa die Near Field Communication (NFC) zum kontaktlosen Austauschen von Daten auf kurzen Distanzen. Ein mit NFC-Chip ausgerüstetes Handy muss nur kurz in die Nähe einer NFC-Kasse gehalten werden, um einen Kaufbetrag abzubuchen.

Die Zahl der NFC-fähigen Smartphones wächst und immer mehr Leute tragen ihr Smartphones ständig bei sich. Eine gute Ausgangslage, das Handy zur Portemonnaie- Alternative zu machen.

Migros und Coop, Sunrise und Swisscom
Entsprechend optimistisch geben sich Experten und Wirtschaftsleute: Rund 70 Prozent der 1000 Teilnehmer einer KPMG-Umfrage halten «Mobile Payment» für einen wichtigen bis sehr wichtigen Trend. Einer anderen Umfrage zufolge geht ein Grossteil der «Technology Insider» davon aus, dass im Jahr 2020 mehr Leute mit dem Handy zahlen werden als mit Kreditkarte.

Auch in der Schweiz soll das Zahlen mit dem Handy bald vielerorts möglich sein. Bei Migros und Coop laufen entsprechende Vorbereitungen. Und Sunrise und Swisscom wollen den Service wenn möglich schon im nächsten Jahr anbieten.

Swisscom etwa plant einen elektronischen Geldbeutel als App fürs Telefon, in dem der Kunde etwa seine Kreditkartenangaben hinterlegen und danach bargeldlos bezahlen kann. «Eine weitere Möglichkeit ist zum Beispiel, Treuepunkte direkt auf dem Handy zu sammeln und dazu nicht mehr eine extra Stempel-Karte braucht», sagt Swisscom Sprecherin Annina Merk.

Treuepunkte  und Sonderangebote
So ein Zusatznutzen neben dem eigentlichen Bezahlvorgang wird nötig sein, das Smartphone tatsächlich zur Alternative zum Portemonnaie zu machen. Schliesslich funktioniert auch das Bezahlen mit Bargeld oder Kreditkarte einfach und zuverlässig.

Ein Beispiel für solchen Zusatznutzen ist Googles (nur in den USA verfügbares) Google Wallet. Neben Treuepunkten arbeitet das System auch mit Sonderangeboten, die der Handybesitzer direkt mit dem Gerät einlösen kann. Gegen solche Projekte werden aber auch Datenschutzbedenken laut: Schliesslich erhält Google mit jeder Transaktion Einsicht ins Einkaufsverhalten des Handybesitzers.

Trotz allem: Noch kein definitiver Standard
Ausserdem steht Google Wallet nicht ohne Konkurrenz da: In den USA bietet zum Beispiel auch der Servie Isis die Möglichkeit zum bargeldlosen Bezahlen mit dem Handy - Coupons und Treuepunkte inklusive. Und in Kenia gibt es M-Pesa als Alternative zu Bargeld und Kreditkarten.

Zahlen mit dem Handy wird wohl bald zum Alltag gehören. Bloss mit welchem System das genau passieren wird, steht noch nicht fest.

Jürg Tschirren

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Kommentar: «Ich will kein Portemonnaie mehr!»

Was uns die moderne Technik seit Jahren prophezeit, lässt noch immer auf sich warten. Noch immer suche ich am morgen Hausschlüssel, Autoschlüssel, Portemonnaie und Handy zusammen und stopfe damit meine Hosentaschen voll. Bei der Parkuhr stelle ich dann erstaunt fest, dass ich schon wieder kein Münz mehr habe und die olle Parkuhr keine Karten akzeptiert. Das gleiche Schicksal ereilt mich beim Mittagessen: kein Bargeld. Ich bin erbost, dass es noch immer Restaurants gibt, die keine Kreditkarten akzeptieren.

Entspricht das dem Zeitalter von WhatsApp, Twitter und elektronischer Steuererklärung? Die leuchtenden Zukunftsvisionen aus Millenium-Zeiten erweisen sich als falsch. Noch gibt es kein Gerät, das alles für uns erledigen kann und noch ist unsere Welt nicht so einfach ausgerüstet.

Dabei könnte es so einfach sein. Wären nämlich Programmierer in der Lage, Sicherheitslücken auf dem Handy sicher zu schliessen und wären all die technischen Hürden im Alltag weggeräumt, so könnte ich Haus- und Autotür mit dem Handy öffnen und schliessen, ebenso die Parkuhr bezahlen, mein Mittagessen sowieso. Und in dieser einfachen Welt bräuchte es kein Portemonnaie mehr mit Münz und Noten und Karten und Gutscheinen. Nostalgiker würden es vermissen. Pragmatiker wie ich nicht.

Martin Oswald


Mehr zum Stichwort:

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M-Pesa

Bezahlen per SMS klingt nach einer Errungenschaft, die neuste Technik voraussetzt und sich in erster Linie an urbane Nutzer in der westlichen Welt wendet. Dem ist aber nicht so: Vor vier Jahren wurde in Kenia «M-Pesa» entwickelt, ein System für bargeldlosen Zahlungsverkehr per Mobilfunk. Eine Innovation mit grossem Erfolg.

100 Sekunden Wissen vom Freitag, 12.8.2011, 07.00 Uhr, DRS 2

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