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Dürrenmatt: Wo das Lachen im Hals stecken bleibt

Friedrich Dürrenmatt ist einer der beiden ganz Grossen: Ein Schriftstellerleben lang in einem Atemzug mit Max Frisch genannt, zu dem Dürrenmatt eine ausgesprochen schwierige Freundschaft pflegte, ist F.D., wie er sich apostrophieren liess, sozusagen die eine Hälfte des Doppelgestirns am Himmel der Schweizer Literatur. Aber was für eine.

Friedrich Dürrenmatt bei der Probe zu Goethes «Urfaust» im Zürcher Schauspielhaus. (Keystone)

«Alles Denkbare wird einmal gedacht. Jetzt oder in Zukunft», lässt Friedrich Dürrenmatt das Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd in seinen «Physikern» sagen. «Was einmal gedacht worde, kann nicht mehr zurückgenommen werden», fährt kurz darauf Möbius fort, der eigentlich gar kein Physiker ist, sondern vielmehr König Salomo. Diese beiden Sätze offenbaren den Kern von Dürrenmatts Theaterschaffen: seinen ungebremsten Drang zur unbarmherzigen Konsequenz, zum buchstäblich Allerletzten.

Bis zum bitteren Ende
«Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat», postuliert der Autor in seinen ebenso berühmten wie umstrittenen «21 Punkten zu den Physikern». Diese 21 Thesen, von Generationen von Germanistikstudenten auf ihren Gehalt abgeklopft, sind als künstlerisches Konzept nicht gar so mager, wie sie auf Anhieb scheinen mögen. Dürrenmatts Stücke führen ebenso kunstvoll wie konsequent zum bitteren Ende, was auch nur irgendwie dahin gebracht werden kann: Jeder der drei Physiker bringt seine Lieblingsschwester um, und die fürsorgliche Ärztin Mathilde von Zahnd erweist sich am Ende als Schreckensherrscherin über die ihr auf Gedeih und Verderb ausgelieferten Patienten.

Vom Drama zum Schwank
Dürrenmatt, so könnte man sagen, ist der Meister der gnadenlosen Konsequenz, und seine Stücke sind recht eigentliche Deklinationen des Tragischen. Und dennoch: Ihre Ge-, um nicht zu sagen: Überspanntheit macht sie nicht zu Tragödien, sondern vielmehr zu Satiren - «Komödien» nennt Dürrenmatt seine Stücke. Was sie in der Tat auch sind: Dürrenmatt hat einen ausgeprägten Sinn fürs Groteske. Seien es die genialisch-irren Physiker oder der Hühner züchtende Faun Romulus der Grosse: Immer drängt das Drama zum Schwank.

Erosion der Moral
Dürrenmatts Stücke gewinnen da an Tiefe, wo sie das Plakativ-Tragische und das Theatralisch-Komische übersteigen: «Der Besuch der Alten Dame» mit seinem unmoralischen Milliardenangebot der alten Dame Claire Zachanassian wird nicht deshalb zur Weltenbühne, weil Güllens Bewohner den Filou Alfred Ill am Ende tatsächlich dem Tod überlassen, sondern wegen des leisen, unaufhaltsamen Übergangs von moralischer Entrüstung zur unverhüllten Gier  in Dialogen, die geradezu beängstigend an Stammtischdebatten oder Gemeinderatssitzungen gemahnen. Andere Stücke wie «Die Frist», deren Charaktere selten über das Schematische hinaus geführt werden, sind nicht zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

Beklemmend modern
Dürrenmatt ist und bleibt ein grosser Theaterautor, weit über die Schweiz hinaus: Generationen von Theaterbesucherinnen und -besuchern haben sich an seinen grotesken, menschlich-allzumenschlichen Figuren ergötzt. Wo Dürrenmatt seine tragikomischen Helden mit unbarmherzigen Scharfblick in die Abgründe der menschlichen Seele blicken lässt, wo uns das Lachen im Hals stecken bleibt, genau da bleibt der Stückeschreiber Dürrenmatt von einer geradezu beklemmenden Modernität.

Thomas Weibel

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