Wie Karl May den Winnetou erfunden hat
Karl May, 100 Jahre tot. (cic)
Ort: Gefängniszelle im Zuchthaus Waldheim.
Zeit: 1870er Jahre. Ein Montagabend, 18.52 Uhr.
Personen: Karl May und ein Zellengenosse.
Karl May sitzt auf seiner Pritsche und kritzelt mit einem kurzen Bleistift Notizen auf ein Stück speckiges Papier. Sein Zellengenosse steht am Fenster, seine Hände umfassen die Gitterstäbe.
KARL MAY (murmelt): «Winnetou und Old Shatterhand…»
ZELLENGENOSSE: «Hä? Was sagst du?»
KARL MAY (schreibt und murmelt): «… erblicken Nscho-tschi, die Tochter…»
ZELLENGENOSSE: «Xundheit!»
KARL MAY (blickt auf): «Du Narr! Nscho-tschi ist die schöne Indianertochter.»
ZELLENGENOSSE (greift sich Karl Mays Notizen, liest angestrengt): «Sil-ber-see. Mart-er-p-pfahl. Villa Bä-ren-fett. Hob-ble Frank. Sag mal, hast nicht mehr alle Tassen im Schrank?»
KARL MAY: «Nanein. Hobble Frank ist Heliogabalus Morpheus Edeward Franke. Er heisst Hobble Frank, weil er humpelt. Ein Oglala-Indianer hat ihm in den Fuss geschossen.»
ZELLENGENOSSE: «Und was soll das werden, wenn’s fertig ist?»
KARL MAY: «Ein Roman. Ein Abenteuer. Ein Buch, das gross rauskommt.»
ZELLENGENOSSE (hält sich den Bauch vor Lachen): «Huhahehehe. Du spinnst ja! Crazy Karl! Meschugge May! Höhöhö. Wenn du für so einen Schmarren einen einzigen Leser findest, fresse ich einen Besen.»
Und wenn er nicht gestorben ist, dann kaut der Zellengenosse noch heute am Besen. Jeden Tag.
Robin Alder
