Würdigung des Elfmeter-Krimis
Penaltyschiessen für Fortgeschrittene: Italiens Andrea Pirlo schlenzt den Ball lässig in die Mitte des Tors.
Ein Fussball-Tor ist 7.32 Meter breit. Da könnten vier Männer à 1.83 m auf der Torlinie liegen. Wessen Vorstellungskraft hier streikt, begebe sich schnurstracks ausser Haus und frage vier Männer, ob sie sich nicht mal eben schnell auf Trottoir legen können. Scheitel an Fusssohle bitte. Ohne Abstand.
Jetzt ist klar: 7.32 Meter ist verdammt breit. Da muss eigentlich ein Penalty drin sein. Zumal im richtigen Leben keine Passanten auf der Torlinie herumliegen. Trotzdem pflegen gestandene Männer, die beruflich mit Fussball zu tun haben, immer wieder Elfmeter zu verschiessen. Auch Nicht-Engländer.
Ohne Penalty-Schiessen...
Und damit es gleich gesagt ist: Grundsatzkritik am Penalty-Schiessen ist für die Füchse. Was wäre die Alternative? Open End Verlängerung? Haha. Betonmischer-Mannschaften wären im Stande, ein 0:0 zu halten, bis am nächsten Morgen die Vöglein den Tag begrüssen. Das Golden Goal war auch ein Flop. Das Penalty-Schiessen ist ein Muss.
Ich erinnere mich an den 21.Juni 1986, einen Samstag. Der Tag, an dem mich der Fussball endgültig in seinen Bann geschlagen hat. WM-Viertelfinal Brasilien gegen Frankreich. Zico und die Zauber-Brasilianer zelebrieren Fussball, Michel Platini und die wackeren Franzosen bieten Paroli. 1:1 nach Verlängerung.
... geht es nicht
Es kommt zum Penalty-Schiessen. Platini verschiesst. Der lässige Brasilien-Star Sokrates nimmt drei Schritte Anlauf und - verschiesst ebenfalls. Für die Dauer des Penalty-Schiessens vergesse ich zu atmen. Am Schluss habe ich einen blauen Grind und Frankreich ist weiter.
Momente für die Fussball-Ewigkeit. Wie bei der WM 2006: Der deutsche Goalie Jens Lehmann klaubt sich einen Spick aus seinem Schienbeinschoner. «Mierda! Der weiss, wohin ich schiesse», denken sich darauf die Argentinier Ayala und Cambiasso. Sie versagen prompt. Deutschland steht im Halbfinal.
Zungengymnastik
1994, beim WM-Final in den USA. Roberto Baggio pfeffert seinen Penalty im Elfmeterschiessen in den Himmel von Los Angeles. Brasilien ist Weltmeister. Dramatik pur. Und schliesslich flackert die Erinnerung ans WM-Achtelfinal Schweiz-Ukraine von 2006 auf: Marco Streller, Zungengymnastik, Penalty verschossen, Schweiz ausgeschieden.
Seine grösste Niederlage, wird Streller später in der DRS 3 Talksendung Focus sagen. Was beweist: Im Penalty-Schiessen werden die grössten Helden geboren. Aber auch Loser. Freuen wir uns also auf packende EM-Halbfinalspiele. Mit Penalty-Schiessen.

Kommentare zu diesem Artikel:
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