Buch-Tipp: «Dicht am Wasser»
Hat «die Jule», nach dem der See benannt ist, den kleinen Nelson verschlungen?
Nelson, der zweitjüngste Spross, hätte an diesem Tag zusammen mit anderen MusikschülerInnen sein Können vor den beinahe vor Stolz platzenden Eltern präsentieren sollen; auch am Abend kehrt er nicht wie gewohnt nach Hause zurück.
Die Jule (wie der See nach der Müllersfrau genannt wird, deren eifersüchtiger
Mann sie laut Huonders erdachter Legende an ihrem roten Schal ans Mühlerad gebunden hat, bis sie in der Luft wirbelte und sich mit dem Rad drehte und drehte; so lange, bis ihr Hals ganz lang und dünn war) ist an düsteren Tagen dunkel und unergründlich; eine gute Voraussetzung also, um das Kind in ihrem Schlund zu vermuten.
Während der Autor die Freund- und Bekanntschaften der Leute zerpflückt, die sich am Julensee niedergelassen haben - klar und deutlich, aber trotzdem immer in einer angenehm liebenswürdigen Haltung gegenüber seinen Figuren - kommt man den Menschen, die in diesem Roman leben, mehr und mehr auf die Spur. Man kann sich vorstellen, warum Nelson verschwindet, bleibt aber bis ganz zum Schluss der Lektüre allein mit seinen Gedanken; Huonder kann die Spannung bis zur letzten Seite halten; aber: «Dicht am Wasser» ist kein Krimi, sondern eine wunderbare Beschreibung von uns Menschen und unsern zwei oder mehr Gesichtern.
«Dicht am Wasser» - ein Muss für: Müd’ gewordene Sudoku-SpielerInnen. Nach ewigem Jonglieren und Addieren von und mit Zahlen kann man dank «Dicht am Wasser» nun Namen und Spuren kombinieren.
Silvio Huonder «Dicht am Wasser»
Roman, 222 Seiten
ISBN: 978-3-312-00430-0
CHF: 31.90
Verlag: Nagel & Kimche
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