«Hiob»: Ein Buch über Schicksalsschläge
«Hiob. Roman eines einfachen Mannes» - so lautet der vollständige Titel - erschien 1930 in Berlin. Der ebenso einfache wie gottesfürchtige Mann, der im Zentrum der sich über gut dreissig Jahre erstreckenden Geschichte steht, heisst Mendel Singer, «ein ganz alltäglicher Jude».
Schicksalsschläge häufen sich
Mit seiner Familie fristet er um 1900 ein karges wenn auch zufriedenes Dasein als Lehrer in einem ostgalizischen Dorf. Dann aber wird Mendel - wie Hiob im Alten Testament - innerhalb weniger Jahre von einem Schicksalsschlag nach dem andern getroffen.
Es beginnt im Roman damit, dass Mendels jüngster Sohn Menuchim schon bald nach der Geburt körperlich und geistig unheilbar behindert scheint. Jonas, der älteste Sohn, muss und will zum russischen Militär, der zweite, Schemarjah, desertiert in die USA, und Mirjam, die einzige Tochter, lässt sich mit Kosaken ein.
Leben in der Neuen Welt
Um dieser Situation zu entrinnen, beschliesst Mendel, mit seiner Frau Deborah und der Tochter nach Amerika zu emigrieren, wo ihm Schemarjah, der nun Sam heisst, ein angenehmes Leben bereiten will. Dieser hat es schnell zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht und seinen Vater schon vor einiger Zeit in einem Brief aufgefordert, ihm in die USA nachzufolgen. Mendel, Deborah und Mirjam fahren mit dem Zug nach Bremen und von dort mit dem Schiff nach New York; den kranken Menuchim müssen sie, obwohl es Deborah beinahe das Herz bricht, in Russland zurücklassen.
Während Frau und Tochter das moderne Leben geniessen, wird Mendel in der Neuen Welt nicht recht heimisch. Mirjam nimmt ihren lockeren Lebenswandel bald wieder auf. Aber dann fällt Sam im Ersten Weltkrieg, der mittlerweile ausgebrochen ist; und auch von Jonas gibt es keine Lebenszeichen mehr, er bleibt im Krieg verschollen. Diese Schläge vermag Deborah nicht zu verkraften, sie stirbt vor Kummer; und Mirjam wird verrückt und kommt in eine Anstalt.
Versöhnung mit Gott
Nun sagt sich Mendel von Gott los: «Alle Jahre habe ich Gott geliebt, und er hat mich gehasst.» Alles Zureden seiner Freunde hilft nichts, Mendel hört auf zu beten und befolgt die Gebote nicht mehr. Als Handlanger haust er fortan in einer Hinterstube bei den Skowronneks, die einen Musikalienladen führen.
Bis eines Tages Menuchim - inzwischen geheilt - unter neuem Namen als berühmter Musiker und Orchesterleiter nach Amerika kommt, seinen Vater besucht, sich als dessen jüngsten Sohn zu erkennen gibt, und Mendel zu sich nimmt «in den vierundvierzigsten Broadway, ins Astor Hotel. (...) Er stieg in den Lift (...), er schloss die Augen, denn er fühlte sich schwindlig werden. Er war schon gestorben, er schwebte in den Himmel, es nahm kein Ende.» Mendel Singer gesteht seine «schweren Sünden» ein und versöhnt sich mit Gott. «Und er ruhte aus von der Schwere des Glücks und der Grösse der Wunder.»
Ein Jahrhundertroman
Joseph Roths Buch über einen Dulder, der an Gott verzweifelt, schliesslich aber durch ein «modernes» Wunder geläutert und gerettet wird, darf man gewiss als Jahrhundertroman bezeichnen. Ernst Toller schrieb: «Roths Sprache hat die Zucht und Strenge deutscher Klassik.», und Stefan Zweig meinte: «Hiob ist mehr als Roman und Legende, eine reine, eine vollkommene Dichtung, die alles zu überdauern bestimmt ist, was wir, seine Zeitgenossen, geschaffen und geschrieben haben. An Geschlossenheit des Aufbaus, an Tiefe der Empfindung, an Reinheit, an Musikalität der Sprache kaum zu übertreffen.»
Der Autor selber sprach 1930 von der «Melodie» des «Hiob», die «eine andere ist, als die der Neuen Sachlichkeit, die mich bekannt gemacht hat»; und 1934 charakterisierte er - in einem Gespräch mit einem französischen Literaturkritiker - diese neue Melodie, um die es ihm als Romancier nun gehe, als «la musique biblique».
Joseph Roth, Journalist und Romanautor
Geboren 1894 als Sohn jüdischer Eltern in der Nähe von Brody/Ostgalizien, studierte Joseph Roth deutsche Literatur in Lemberg und Wien. Er leistete Militärdienst im Ersten Weltkrieg und arbeitete später als Journalist in Wien und Berlin. 1933 emigrierte Roth nach Paris, wo er 1939 in einem Armenhospital starb. Die Romane «Hotel Savoy» (1929), «Der Radetzkymarsch» (1932) und die «Kapuzinergruft» (1938) zählen neben «Hiob» zu seinen bekanntesten Werken.
Pinkas Braun (1923-2008), Schweizer Theater-, Film- und Fernsehschauspieler, Regisseur und Übersetzer las «Hiob» 1975 in einunddreissig Folgen für Schweizer Radio DRS; «Lesung im Zwei» bringt diese kongeniale Lesung nun in einer technisch behutsam aufgefrischten, 15teiligen Fassung.
Stephan Heilmann, Hörspiel-Redaktor
