Depesche aus London: Konzerte zum Lachen
«Something very special»: The Untied Knot
Die Band, die ich eigentlich anschauen wollte, hiess Solus 3. Aber darauf kommt's jetzt nicht mehr an. Denn was mir von dem Abend im ehrwürdigen Purcell Room im South Bank Centre in Erinnerung bleiben wird, ist ohne Zweifel die «Vorgruppe», The Untied Knot.
Schon der Moderator des Abends deutete unfreiwilligerweise an, dass es mit dieser «Truppe» etwas an sich hatte. In seiner aufbauschenden Einführung («something very special») wurden sie flugs in das ziemlich fussballerisch klingende «United Knot» umgetauft, dabei sahen die solchermassen misbenamsten Herren ganz so aus, als ob sie eine Verbindung mit Fussball als Affront vulgärster Art erachten müssten.
«Takt und Harmonie aus unterbewussten Reflektionen von sich zersetztenden Bündeln sinnlichen Gerölles»
Das zweifelhafte und unfreiwillige Vergnügen begann schon vor dem Auftritt, nämlich, als ich auf dem mir zugewiesenen Sessel eine Karte vorfand. Darauf stellten The Untied Knot sich und ihre Absichten so vor: «Circular themes couched in a simplicity that facilitates their mesmeric effect - a reverie of synaesthetic memories realised through melody and timbre.» Und: «The meter and harmony of unconscious reflections from a dissolving cluster of sensory detritus. - Welcome to the past.» (zu deutsch also etwa so: «Im Kreis gehende Themen, eingebettet in einer Einfachheit, die deren hynpotisierende Effekt unterstützt - eine Reverie aus synaesthetischen Erinnerungen, real gemacht über Melodie und Timbre.» Und: «Takt und Harmonie aus unterbewussten Reflektionen von sich zersetztenden Bündeln sinnlichen Gerölles»).
Ich muss gestehen, dass ich bei der Lektüre heftig ins Glucksen kam. Man stelle sich vor: ein Musiker setzt sich hin, schreibt diese Zeilen über seine eigene Musik (schlimmer noch vielleicht: lässt er sie sich von jemand anders auf den Leib schneidern) und denkt sich allen Ernstes: «Ja, genau so ist es.» Mir indessen gelang es nicht, aus den Zeilen etwas anderes zu lesen als dass ich mich bald in der Präsenz von zwei Männern befinden würde, die mehr mit Cristiano Ronaldo und Arjen Robben gemeinsam hatten, als sie es wohl vermuten würden, nämlich ein gewaltiges Ego. Dazu glaubte ich eine gänzliche Absenz von Humor erkennen zu können, sowie einen eher verstiegenen Blick auf die eigene Musik und die Art, sich darüber sachdienlich zu äussern.
Der Herr in der Mitte, ganz in Weiss, krümmte sich um seine Gitarre als wäre es ein Baby und zupfte endlos repetitive Motive, deren Simplizität weniger an Erinnungersgröll gemahnte als an Fingerübungen für besonders geduldige Gitarrenschüler.
Es wäre falsch, zu behaupten, er hätte gespielt wie ein Kind: einem Kind wäre das Geplätscher sehr bald langweilig geworden. Dem Gitarristen zur Rechten sass ein zweiter Herr mit mittellangen Haarsträhnen und einer Brille im Schneidersitz am Boden und drückte dann und wann eine kleine Melodie aufs Mini-Synthi-Keyboard, klimperte ein ander Mal schöne Triolen auf dem Xylophon, und konnte schliesslich auch noch mit Tablas klappern.
«Was die beiden boten, war ein klassischer Fall von des Kaisers neuen Kleidern.»
Was die beiden boten, war ein klassischer Fall von des Kaisers neuen Kleidern. Banalität der banalsten Sorte - und gerade wegen dem bizarren Gegensatz von «Konzept» und Praxis ein echter Lachschlager. Kaum zu glauben: The Untied Knot haben auch schon zwei Alben veröffentlicht, sie haben Fans, die diese auch noch gekauft haben, ja, es gab Leute, die das Lokal nach ihrem Auftritt verliessen, weil sie nur wegen ihnen gekommen waren.
Wow! Die Moral der Geschichte: Aufpassen, liebe Musikanten, welche Sprüche ihr euch von den PR-Experten aufs Auge drücken lässt! Auch beim Schreiben kann der falsche Ton Karrieren vernichten, Karrieren, die möglicherweise noch gar nicht begonnen haben.
Zum Schreiben dieser Kolumne habe ich gehört: The Minus 5, «Killingsworth» (Cooking Vinyl)
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