Eisschmelze in der Arktis birgt Konfliktpotenzial
Je mehr das Eis in der Arktis schmilzt, umso mehr buhlen die Länder um die rohstoffreiche Region. (Archiv Keystone)
Das Arktiseis schmilzt: Forscher massen im September 2011 den zweitniedrigsten Stand der Eisflächen seit 1979. Was der Fluch tief gelegener Länder sein wird, ist für Russland ein Segen. Dies geht aus einer Analyse des «Center for Security Studies» (CSS) der ETH Zürich hervor.
«Russland gehört zu den grossen Gewinnern der neuen Situation in der Arktis», erklärt Jonas Grätz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am CSS. Grätz hat in der ETH-Publikation «CSS Analysen» die Konfliktpotentiale in der Region analysiert.
Investitionen in Milliardenhöhe
Laut dem geologischen Dienst der USA liegen 13 Prozent des konventionell förderbaren Erdöls und 30 Prozent des Erdgases weltweit in der nördlichen Polregion. Über zwei Drittel der arktischen Erdgasvorkommen werden auf russischem Gebiet vermutet.
Darum ist Russland laut Grätz in jüngster Zeit in der Arktis besonders aktiv: Letztes Jahr kündete Rosneft, das staatliche Erdölförderunternehmen, einen Deal mit ExxonMobil für die Erdöl- und Gasförderung in der Arktis an. Investitionen in Milliardenhöhe sollen in den nächsten Jahren in diese Projekte fliessen.
Begehrter Handelsweg
Das aufbrechende Eis eröffnet Russland auch neue Handelswege, die sogenannte Nordost-Passage: Der erste russische Supertanker fuhr 2011 über die Beringstrasse nach Thailand - nicht durch den Suezkanal.
Noch seien die Versicherungen für die Frachter auf dem Nordweg zu teuer und es fehle an Infrastruktur für Zwischenstopps und den Verlad, schreibt Grätz. Längerfristig jedoch könnten die traditionellen Meerengen wie die Strasse von Malakka vor Sumatra und der Suezkanal im internationalen Handel an Bedeutung verlieren.
Zwischenzeitlich baut Russland seine Handelskapazitäten und militärische Präsenz aus. «Moskau sieht die Arktis nicht nur unter energiepolitischen, sondern auch unter geopolitischen Gesichtspunkten», sagte Grätz. Sehr zum Unmut der USA, Chinas und der EU, die freien Zugang zur Nordost-Passage fordern. Russland hingegen betrachtet diese als interne Gewässer.
Norwegische Ansprüche
Auch Norwegen, zweitgrösster Erdgas-Exporteur der Welt, sei auf neues Gas und Öl für seinen Exportmarkt angewiesen, sagte Grätz. Dabei geht es vor allem um das norwegische Archipel Spitzbergen. Durch den Spitzbergen-Vertrag von 1920 haben sämtliche 40 Unterzeichnerstaaten - darunter auch die Schweiz - das Anrecht, dort zu forschen und Ressourcen zu fördern.
Umstritten ist allerdings, ob sich dieses Recht auch auf den umliegenden Meeresboden erstreckt. Norwegen ist der Meinung, dass der Vertrag dort nicht gelte, stösst mit dieser Forderung jedoch selbst bei Nato-Bündnispartnern auf taube Ohren.
Sogar Spitzbergen-Vertragsländer wie China, Indien und Südkorea haben unlängst Forschungsstationen vor Ort eingerichtet, weil sie sich damit ein grösseres Mitspracherecht in der Arktis erhoffen. «Es ist, als wolle jedes Land ein Fähnchen einstecken, solange die territorialen Ansprüche noch nicht vollumfänglich geklärt sind», sagte Grätz. (for;pet, sda)
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