(Reuters)
Russlands neue Mittelschicht hat genug
Von Russland-Korrespondent Peter Gysling
«Acht Jahre Präsident und jetzt schon wieder Kandidat, schau uns in die Augen ... gib Dein Mandat ab!», singt die Rockband einer ehemaligen russischen Fallschirmjäger-Einheit in einem Lied, das derzeit bei Youtube kursiert. Der Anti-Putin-Song hat sich zum Hit gemausert.
Der einfache Text, in dem Putin als gewöhnlicher Beamter bezeichnet wird, der nicht vergöttert werden soll, stösst in immer breiteren Bevölkerungskreisen auf Zustimmung. Der Song ist nur eines von vielen Elementen, die im Vorfeld der Präsidentschaftswahl vom 4. März zu sehen oder zu hören sind.
Kaum Zweifel am Wahlsieg
Zwar gibt es kaum Zweifel: Wladimir Putin, derzeit Regierungschef und von 2000 bis 2008 schon einmal Präsident, wird im März gewählt werden. Und zwar unabhängig davon, ob diese Wahl nun leicht verfälscht wird, oder ob sie - im Unterschied zu den Parlamentswahlen vom vergangenen Dezember - korrekt verläuft.
Doch in den grossen Städten Russlands bekunden immer mehr vor allem gut gebildete Leute Mühe, sich mit dem Gedanken abzufinden, dass Putin abermals für Jahre die Macht übernimmt. Damit, so lautet eine viel gehörte Befürchtung, drohten Russland weitere Jahre des politischen Stillstands.
Russinnen und Russen, die sich bis jetzt wenig für Politik interessiert hatten, die zum Teil noch nie an einer Demonstration teilgenommen haben, säumen nun die Strassen. Etwa der Geologe und Geschäftsmann Pawel Schelkow aus Selinograd. «Ich konnte das Leben immer weniger ertragen. Als wir erkannt haben, dass zwei weitere Amtszeiten mit Putin drohen, haben wir das wie ein Todesurteil für unsere Generation wahrgenommen», umschreibt der 46-Jährige das, was ihn nun auf die Strasse treibt.
Gut gebildet, aber unzufrieden
Pavel Schwelkow ist ein typisches Beispiel für jene Menschen, welche in Russland die neue Oppositionsbewegung mitbestimmen. Er ist gut gebildet, hat eine eigene Firma, eine Familie, sogar ein eigenes Haus, fühlt sich aber als Bürger vom Staat und seinen Behörden nicht respektiert. Er möchte, was das eigene Land betrifft, in Zukunft ein Wort mitreden können.
«Ich bin unzufrieden mit der Situation in unserem Land - mit dem System, das sich in den letzten Jahren unter Putin entwickelt hat, ist keine wirklich erfolgreiche Entwicklung abzusehen. Die Gesetze, die unter Putin geschaffen wurden, lähmen zudem das Unternehmertum», sagt Schwelkow.
«Hier bleiben und etwas ausrichten»
Er wisse, sagt der Unternehmer, dass viele seiner Mitbürger am liebsten das Land verlassen würden. Er aber wolle mithelfen, dass sich hier etwas verändere. «Ich habe zwar auch meine Töchter darauf vorbereitet, dass sie vielleicht mal auswandern müssen. Ich hab sie Englisch lernen lassen», sagt Schwelkow. «Aber jetzt habe ich doch ein bisschen Hoffnung bekommmen, dass wir die Situation verändern können - dass wir hier bleiben und hier etwas ausrichten können.»
Er fühle sich mit seinem neuen politischen Engagement nicht isoliert - im Gegenteil, meint der grossgewachsene Geologe. «Das sind ganz normale Leute, die auf ehrliche Weise ihr Geld verdienen, auf der Welt herumgekommen sind. Und sie wollen in ihrem Land respektiert werden.»
Systemwechsel auf die sanfte Art?
Ähnlich sieht das auch der Politologe Ivan Triutrin, der Geschäftsführer der russischen Oppositionsbewegung Solidarnost. «Die heutige Opposition setzt sich vor allem aus Leuten aus der Stadt zusammen - dem Kleinbürgertum oder Mittelstand - und wir haben eine Chance, einen Systemwechsel auf auf sanfte Art herbeizuführen.» Ein Blutvergiessen, so sagt Triutrin, wolle man auf jeden Fall verhindern.
Die neue Opposition in Russland setzt aber auch auf die Zeit nach den Präsidentschaftswahlen. Breite Kreise empören sich über den Zynismus der Machthaber. Die Opposition will nicht nachgeben. Ihre Hoffnung: Auch wenn Putin die Wahl im März für sich entscheide, werde er sich nicht allzu lange im bisherigen Stil an der Macht halten können. (ank)
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