Power to the People: Geschichte der US-Vorwahlen
Von USA-Korrespondent Peter Voegeli
Bis 1831 wurden Präsidentschaftskandidaten allein von den Mächtigen der Partei bestimmt. Das informelle Auswahlsystem wurde King Caucus genannt. Später gab es zwar Parteiversammlungen (Conventions), an denen Kandidaten nominiert wurden und sogar Vorwahlen. Aber es waren nach wie vor die Parteioberen, die dafür sorgten, dass die Delegierten so stimmten, wie gewünscht oder dass gefügige Vertreter für die Parteiversammlungen nominiert wurden. 1936 führte erst rund ein Dutzend Bundesstaaten Vorwahlen durch.
Demokratisierung durch das Fernsehen
Mit dem Aufstieg des Fernsehens wurde das Auswahlverfahren demokratischer. Der Durchschnittsamerikaner konnte sich auch von weniger bekannten Kandidaten ein Bild machen. Fortan verschaffte ein Sieg bei einer Vorwahl dem Bewerber auf einen Schlag grosse Popularität.
So gab beispielsweise Präsident Harry Truman nach seiner Niederlage gegen den weit weniger prominenten Senator Estes Kefauver aus Tennessee bei den Vorwahlen in New Hampshire 1952 seinen Verzicht auf eine zweite Amtszeit bekannt.
Smoky Backrooms
Doch obwohl Kefauver damals in 13 Vorwahlen insgesamt 3,1 Millionen Stimmen auf sich vereinen konnte, machte nicht er das Rennen. Die demokratische Nomination gewann der damalige Gouverneur von Illinois, Adlai Stevenson, der lediglich 78'000 Voten erhalten hatte. Stevenson war ein so genannter Favorite Son, ein Liebling der Parteioberen, die seine Nomination durchsetzten.
Kefauvers Scheitern ist das bekannteste Beispiel dafür, dass bis weit ins 20. Jahrhundert Präsidentschaftskandidaten in den berüchtigten verrauchten Hinterzimmern, den smoky backrooms, ausgeküngelt wurden.
Tumulte in Chicago
Es war der tumultuöse Parteikonvent der Demokraten in Chicago 1968, der die Demokratisierung des Auswahlverfahrens entscheidend voranbrachte. Damals wurde Vizepräsident Hubert Humphrey nach der Ermordung von Robert Kennedy zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten gekürt, ohne eine einzige Vorwahl gewonnen zu haben. Das sorgte für Unmut und schliesslich für eine Regeländerung.
Seither dürfen die Delegierten an den Parteiversammlungen in der Regel nicht frei für einen Kandidaten votieren. Sie sind verpflichtet, so zu stimmen, wie die Wähler, die sie vertreten.
Unterschiedliche Gerechtigkeit
Demokraten und Republikaner haben heute unterschiedliche Regeln nach denen die Präsidentschaftskandidaten gekürt werden. Die Demokraten verteilen die Delegiertenstimmen proportional, während die Republikaner dem Sieger der jeweiligen Vorwahl alle Delegiertenstimmen des betreffenden Staates zuschlagen. Je nach Bundesstaat dürfen nur Parteimitglieder oder auch nicht parteigebundene Wähler an den Vorwahlen teilnehmen.
Demokratischer als in der Schweiz
Die Präsidentschaftsnomination in den USA ist in vielem archaisch und fragwürdig. So erhalten die wenigen Bewohner von Iowa und New Hampshire einen unverhältnismässigen Einfluss, da sie als erste über die Kandidaten entscheiden. Der Sieger dieser ersten Vorwahlen erhält oft enorme mediale Aufmerksamkeit und zahlreiche Spendengelder. Mit seinem überraschenden Sieg in Iowa 1976 legte der damaligen Aussenseiter Jimmy Carter den Grundstein für seinen späteren Erfolg. Andererseits gibt es kaum ein basisdemokratischeres Verfahren als in Iowa und New Hampshire.
Kein Verfahren ist in allen Bereichen befriedigend. Gerade in der vielgerühmten demokratischen Schweiz werden Kandidaten - auch für den Bundesrat - nach wie vor in Hinterzimmern oder nach Auswahlverfahren nominiert. Dabei haben die Stimmbürger nichts zu sagen, anders als in den USA.
Gegner «vernichten»
Fragwürdig dagegen ist in den USA der enorme Einfluss des Geldes auf eine Kandidatur oder die brachialen Methoden im Wahlkampf. Und immer wieder werden Kandidaten mit Schmutzkampagnen politisch «vernichtet», wie beispielsweise John McCain im Jahre 2000. Damals verbreitete George W. Bushs Wahlkampfteam das haltlose Gerücht, McCains Adoptivtochter aus Bangladesch sei seine uneheliche Tochter. (daua)
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