Gegner fordern Sonderlösungen
Thomas Egger, Direktor der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB) und Koordinator des Gegenkomitees, sagte: «Wir bedauern, dass es soweit gekommen ist.» Mit dem revidierten Raumplanungsgesetz hätten die Probleme besser und vor allem schneller angegangen werden können.
Im Abstimmungskampf hätten die Initianten um Franz Weber immer mehr Ausnahmen in Aussicht gestellt - etwa für Tourismusresorts oder Studentenheime in den Städten. Nun müsse möglichst schnell klar werden, welche Wohnung als Zweitwohnungen im Sinne der Initiative gelten und welche nicht, sagte Egger.
Für strukturschwache Regionen forderte Egger Sonderlösungen: Wenn Personen, die ins Tal abgewandert sind, eine Wohnung in ihrer Heimat behalten, soll diese nicht als Zweitwohnung gelten. Göschenen etwa habe einen Zweitwohnungsanteil von rund 60 Prozent - diese Wohnungen würden aber nur zum kleinen Teil touristisch genutzt.
Weiter sagte Egger, dass nun jene Kantone und Tourismusorte bestraft würden, die bereits Massnahmen ergriffen hätten. «Das Abstimmungsresultat wird dort wahrscheinlich eine demotivierende Wirkung haben.»
Der Walliser Ständerat René Imoberdorf (CVP) sagte im Schweizer Fernsehen SF: «Ich bin enttäuscht über das Abstimmungsresultat». Er habe auf ein Ständemehr gehofft. Auch er forderte Sonderlösungen für Zweitwohnungen, die nicht touristisch genutzt werden und in strukturschwachen Gebieten liegen.
Aldo Kropf (FDP), Gemeindepräsident von Saanen, wo auch Gstaad dazugehört, sagte: «Ich bin jetzt gespannt, wie flexibel die Initiative umgesetzt wird.»
Bündner Volkswirtschaftsdirektor: «Rabenschwarzer Tag»
Nach dem Ja zur Zweitwohnungsinitiative geht der Bündner Volkswirtschaftsdirektor Hansjörg Trachsel davon aus, dass Graubünden in Zukunft wirtschaftlich zu den Verlierern gehört. Der Abstimmungssonntag sei für den Kanton ein «rabenschwarzer Tag».
«Der Entscheid bedeutet, dass in 135 der 176 Bündner Gemeinden keine Zweitwohnungen mehr gebaut werden können», sagte Trachsel zur Nachrichtenagentur sda. Die Baubranche werde massive Umsatzeinbussen verkraften müssen. Graubünden verliere im Bau- und Baunebengewerbe voraussichtlich ein bis zwei Tausend Arbeitsplätze.
«Das gehört zur Demokratie»
Erfreut zeigte sich die Grüne Nationalrätin und Stadtberner Exekutivpolitikerin Regula Rytz: «Die Initiative gibt uns ein wichtiges Instrument gegen die Zersiedelung in die Hand», sagte sie im Schweizer Fernsehen SF. In jenen Gemeinden, wo die 20-Prozent-Quote bereits erreicht sei, müsse das revidierte Raumplanungsgesetz Lösungen bringen.
Dass einzelne Gebiete - insbesondere die Tourismuskantone - überstimmt worden sind, beurteilte Rytz nicht als problematisch. «Das gehört zur Demokratie - es gab auch schon den umgekehrten Fall.»
Nicht kommerziell genutzte Zweitwohnungen
Für Vera Weber, Tochter von Initiant Franz Weber, ist klar: «Die Leute haben genug von der Zubetonierung unserer schönsten Landschaften.» Nun liege der Ball bei den Bundesbehörden. Bei der Umsetzung der Initiative sollen gemäss Weber nur Zweitwohnungen zählen, die nicht kommerziell genutzt werden.
«Wenn eine Wohnung 120 oder 200 Tage im Jahr bewohnt ist, ist das für uns keine Zweitwohnung im Sinn der Initiative», sagte Vera Weber. Das habe sie und die Organisation Helvetia Nostra im Abstimmungskampf stets betont und das gelte auch nach dem Sieg in der Abstimmung noch.
Fingerzeig der Bevölkerung
In den Augen von Pro Natura und WWF sind sich die Schweizer bewusst geworden, unter welchem Druck die Landschaften heutzutage stehen. Die beiden Umweltschutzorganisationen zeigten sich positiv überrascht vom Abstimmungsergebnis.
Sie hätten erwartet, dass das Resultat knapp werden würde; mit einem Mehr von Volk und Ständen hatten sie aber nicht gerechnet - umso mehr, da Volksinitiativen immer sehr radikal formuliert seien. (basn, sda)
