Depesche aus London: Vergangenheitsbewältigung mit Surprisen
Jung und unverbraucht – The Rolling Stones in ihren Anfängen.
Natürlich kenne ich «Satisfaction». In der Tat kenne ich den Gassenhauer so gut, dass es mich nicht im geringsten stören würde, ihm im Leben nie mehr zu begegnen. Ditto «Brown Sugar», «It's Only Rock'n'Roll», das grauenvolle «Angie» und eine Handvoll anderer Evergreens, auf welche die Karriere der Rolling Stones in den Massenmedien gern reduziert wird.
Ich muss zudem gestehen, dass es mir immer wieder Spass bereitete, in der Gesellschaft eingefleischter Stones-Fans beiläufig zu erwähnen, mein liebstes Stones-Album sei «Their Satanic Majesties Request». Das schräge Hippie-Album, das letzte, bei dem Brian Jones gross mitreden durfte, und das von Kennern gemeinhin als schlechter Scherz abgetan wird.
Ich ruinierte den Sammlerwert des Prunkstückes sofort, indem ich der Versuchung nicht widerstehen konnte, dem Labyrinth im Umschlaginneren nachzufahren – mit Bleistift zwar, aber ganz fest gedrückt.
Als ich praktisch noch in den Windeln steckte, schenkte mir ein Freund der Familie dieses Werk samt Original-3D-Cover zum Geburtstag. Noch heute frage ich mich, was er sich dabei nur dachte. Ich ruinierte den Sammlerwert des Prunkstückes sofort, indem ich der Versuchung nicht widerstehen konnte, dem Labyrinth im Umschlaginneren nachzufahren – mit Bleistift zwar, aber ganz fest gedrückt.
Stunden verbrachte ich damit, die vier Beatles-Köpfe in den Sträuchern auf dem Cover zu suchen – bis heute habe ich nur deren drei gefunden – und mir vorzustellen, wie es wäre, wenn mir die Musik von «Sing This All Together (See What Happens)» tatsächlich gefallen würde. Der Rest des Albums hingegen, Hand aufs Herz, nicht ein Zehntel so übel wie sie alle tun!
Der Auftrag, der mich in den letzten Monaten tief in die Rolling Stones stürzte, bestand darin, für ein e-book jedes der fünfzig Existenzjahre der Rolling Stones kurz zu umschreiben und in einen grösseren sozialen und historischen Rahmen zu stellen. Ein Job wie ich ihn liebe: Sich monatelang in Bücher vergraben zu dürfen und Platten anhören, bei denen man sich nicht überlegen muss, ob man es mit seinem Gewissen vereinen kann, sie weiterzuempfehlen oder nicht.
Unterdessen habe ich ein Dutzend neue Lieblingsplatten. Dazu gehören alle frühen Stones-Werke, angefangen beim ersten von anno 1964, bis hin zu «Between the Buttons». Sie beschreiben eine musikalische Entwicklung, die der der Beatles in punkto Kühnheit in keiner Weise nachsteht. Nur war sie mutiger. Derweil die Beatles vor Lebensfreude – und dazu gehört durchaus auch Liebeskummer – nur so sprühten, waren sich die Stones nicht zu schade, in den düstereren Emotionen der Menschen zu wühlen. Wo die frühen Beatles auf Widrigkeiten des Alltages mit Anflügen herbstlich-schöner Melancholie reagierten, liessen die Rolling Stones mal so richtig aggressiv Dampf in die Musik strömen.
Bei den Stones kam aber eine ganz neue Arroganz dazu – so wie sie später auch die Punks beseelte, und die es ihnen erlaubte, sich ein Deut um die Meinung der Umwelt zu scheren.
So, wie sie den Blues servierten, hatte es noch niemand getan. Klar, schon die grossen Vorbilder des elektrischen Chicago Blue – Willie Dixon,Bo Diddley oder Elmore James – konnten mächtig Schrecken einjagen mit ihrem druckvollen Geröhr.
Bei den Stones kam aber eine ganz neue Arroganz dazu – so wie sie später auch die Punks beseelte, und die es ihnen erlaubte, sich ein Deut um die Meinung der Umwelt zu scheren. Das war enorm wichtig in einer Zeit, wo das konservative England vor lauter zugeknöpfter Verlogenheit und Angst vor dem Neuen fast erstickte.
In der Tat mussten die Stones heftig büssen für ihre Frechheit – ein paar Jahre lang wurden sie praktisch um die Uhr von der Polizei überwacht und auch regelmässig auseinandergenommen. Ehe man die grosse Razzia im Landhaus von Keith Richards startete, die zu den üblen Gerüchten um Marianne Faithfull führte, wartete man, bis George Harrison, der Richards mit seiner Frau besucht hatte, das Haus verlassen hatte.
Übrigens stimmen die frühen Stones-Alben heute keineswegs nostalgisch. Der Blues ist klassisch simpel gehalten und wird dadurch zeitlos. Man wünschte sich hingegen, dass all die heutigen Kombos, die alle paar Jahre wieder auf den gleichen Geschmack kommen, mit ähnlich viel Gusto, Swing und instrumentalem Können ans Werk gingen.
Dann die nächste Phase der Stones: Brian Jones ist nach dem Fiasko von «Their Satanic Majesties Request» ausrangiert worden. Jetzt regiert die Gitarre von Keith Richards und seine Entdeckung von akustischem Country-Blues. Auch jetzt wird noch mächtig gerockt, aber die Klangstruktur ist wichtiger geworden, es geht vermehrt um Emotionen, nicht bloss um Energie. Immer noch steckt in der Musik eine seltene Arroganz, das genaue Gegenteil des «was könnten die Nachbarn denken»-Denkens, und darin besteht wohl auch ihre euphorische Wirkung auf den Hörer, der sich mindestens während der Dauer des Albums davon anstecken und Flügel wachsen lässt.
Aber die Stimmungen werden nun komplexer, es kommt Mitgefühl ins Spiel. Nach dem langsamen und doch beeindruckend intensiven Aufbau mit «Beggars Banquet«, «Let It Bleed» und «Sticky Fingers» findet diese Phase ihren Höhepunkt im fantastisch-düsteren, chaotischen «Exile on Main Street» – eines der wenigen Doppelalben, die es verdienen, ein solches zu sein, denn erst im Nebeneinander, im Ineinander und in der irrwitzigen Fülle spielen diese Songs ihre wahre Kraft aus. Eine Kraft, die mich auch insofern überraschte, als ich mich ihr viel zu lange nicht mehr ausgesetzt hatte.
Zum Schreiben dieser Kolumne habe ich gehört: The Rolling Stones - «Between the Buttons» (Decca)
Hanspeter Kuenzler
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