Google+ vs. Facebook – wer macht's besser?
Goliath kämpft gegen Goliath
Als Google+ vor etwas mehr als vier Monaten antrat, unterschied sich das Soziale Netzwerk aus dem Hause Google in einem wichtigen Punkt vom Konkurrenten Facebook: Bei Google+ liess sich um einiges besser festlegen, mit wem man seine Kommentare und Uploads teilen wollte: Nur mit den besten Freunden oder gleich mit der ganzen Welt?
Doch es dauerte nicht lange und Facebook zog nach: Was bei Google+ «Circles» hiess, wurde bei Facebook zu «Smart Lists». Das Prinzip blieb dasselbe: Nun liess sich auch bei Facebook genau festlegen, für wen die eigenen Postings bestimmt waren.
Gut kopiert ist halb gewonnen
Von den Funktionen her haben sich die Konkurrenten also angenähert. Das wird auch so weitergehen – und zwar in beide Richtungen: Kaum bringt einer der beiden ein neues, nützliches Feature, dauert es nicht lange, bis es in leicht abgewandelter Form auch beim anderen auftaucht.
Jüngstes Beispiel: Bis vor kurzem gab es nur bei Facebook Seiten für Unternehmen, Organisationen oder Berühmtheiten. Bei Google+ dagegen waren nur Privat-Seiten für Leute wie dich und mich zugelassen. Tempi passati: Dank der neuen Funktion «Pages» haben nun auch Unternehmen ihren Auftritt bei Google+, etwa DRS3.
Welches ist das richtige Netzwerk für mich?
Grössere Unterschiede bestehen vor allem beim Design: Während Google+ schlicht, aufgeräumt und (vorerst noch) werbefrei daherkommt, ist bei Facebook deutlich mehr Rummel. Die Entscheidung, welchem der beiden Netzwerke beizutreten, ist also nicht zuletzt eine Frage des Geschmacks.
Nicht vergessen darf man dabei die Frage, wo denn die eigenen Freunde hauptsächlich aktiv sind. Schliesslich geht es sowohl bei Facebook als auch Google+ um den Austausch mit Freunden – was schnell langweilig wird, wenn da kaum jemand ist, mit dem man sich austauschen kann.
Begeisterung, Ernüchterung, Klarsicht
Egal auf wen die Wahl fällt: Es besteht kaum die Chance, dass einem der beiden Netzwerke in Kürze der Schnauf ausgeht. Facebook befindet sich mit seinen mehr als 800 Millionen Mitgliedern immer noch auf Wachstumskurs. Auch Google+ konnte mit mehr als 40 Millionen Mitgliedern in den ersten Monaten einen eindrucksvollen Start hinlegen.
Dass Google+ mancherorts dennoch totgeredet wird (siehe etwa hier oder hier), hat mit einem Zyklus zu tun, den viele neue Technologien durchlaufen: Einer ersten Phase der Begeisterung (bei Google+ zusätzlich genährt dadurch, dass die Mitgliedschaft erst nur auf Einladung möglich war) folgt eine Talsohle der Ernüchterung, wenn sich die (übertriebenen) Erwartungen ins Produkt nicht alle erfüllen. Erst wenn sich diese Enttäuschung gelegt hat, lässt sich ein wirklich realistisches Bild über die künftige Entwicklung zeichnen.
Enge Integration in andere Google-Dienste
Im Gegensatz zu früheren Versuchen, ins Geschäft der Sozialen Netzwerke einzusteigen (Buzz anyone?), investiert Google jedenfalls bedeutend mehr in Google+. Schon jetzt ist der Dienst eng mit anderen Google-Produkten verzahnt. Etwa mit der Google-Suche oder mit YouTube, wo ein «+1»-Button das Teilen von Seiten und Videos bei Google+ möglich macht.
Diese Integration in andere Google-Dienste wird in Zukunft wohl noch zunehmen, etwa wenn es darum geht, mit Google erstellte Dokumente gemeinsam mit Freunden bei Google+ zu bearbeiten – ein Angebot, mit dem sich Google+ leicht vom Konkurrenten Facebook absetzen kann, der über keine solchen Dienste verfügt.
Es geht auch um Werbeeinnahmen
Für Google gibt es viele gute Gründe, sich nicht so schnell aus der Welt der Sozialen Netzwerke zurückzuziehen, nicht zuletzt finanzielle: 2010 verdiente Google gut 96 Prozent seines 29.3-Milliarden-Dollar-Umsatzes mit Online-Werbung. Allerdings: Bei Suchmaschinen flacht sich der Ertrag mit der Werbung langsam ab. Ganz im Gegensatz zu den Werbeeinnahmen von Sozialen Netzwerken, wo Facebook in diesem Jahr mit einer Steigerung von gut 80 Prozent rechnet.
Und nicht nur das Geld macht die Sozialen Netzwerke für Google wichtig: Die Art, wie wir im Internet nach etwas Suchen, stützt sich zunehmend auf die Empfehlungen von Freunden statt auf die Resultate einer Suchmaschine. Für den Suchmaschinen-Giganten Google ist Facebook also auch in diesem wichtigsten Geschäftsfeld eine Konkurrenz, der es etwas entgegenzustellen gilt.
Jürg Tschirren
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