Depesche aus London - Landfill-Indie
Klingt irgendwie alles gleich.
«Landfill-Indie» - man kann sich das richtig bildlich vorstellen: hoch zu Ross und mit einer Art Schmetterlingsnetz bewaffnet trabt er an, der Indie-Polizist, beim neuesten Open Air-Festival über den sieben Indie-Hügeln bei den sieben Indie-Zwergen und lauscht mit gefalteter Stirn der Klänge, die da so durch die Lautsprecher scheppern. Und dann, wenn es für seine Ohren absolut kein Zweifel mehr gibt, dass die Band da oben auf der Bühne nur eine Eigenschaft aufweist, nämlich die, dass nichts an ihrer Musik eine besondere Eigenschaft darstellt, packt er sein Netz und wedelt es in der Luft, um gnadenlos jedes Tönchen der Band einzufangen und abzutransportieren in den «Indie Landfill». Der «Indie Landfill» ist das musikalische Pendant für die Gruben im Grünen, wo die englischen Behörden ihren Abfall einlochen, wenn sie nichts besseres damit anzustellen wissen. Eine barbarische Abfallentsorgungsmethode, das sei zugegeben, aber sie ist ziemlich populär (zum Beweis ein paar Bilder).
Vermehrt sich wie Schimmel
Leider nur können Klänge nicht einfach in einer Grube begraben, mit Erde zugeschüttet und allenfalls noch mit einem Grabstein («Hier ruht die Musik von The Pigeon Detectives - Gott sei Dank in Stille») in die ewige Ruhe befördert werden. Nein, Musik ist perfider. Es ist mit ihr ein bisschen so wie mit den scheusslichen Bildern in der Boulevardpresse von misshandelten Tieren: man kann sie nicht vergessen. Die Sache mit dem Nichtvergessenkönnen von Landfill-Indie ist eine Frage der Quantität. Es ist wie beim Schimmelpilz, dessen Sporen sich vermehren und ausbreiten, bis die vergessene Zwetschgenwähe von einem grauen Teppich bedeckt ist. Jeder sofort vergessene Landfill-Indie-Refrain hinterlässt in unseren Gehirngängen, die sich mit dem Genuss von Musik beschäftigen, eine graue Spore. Und je mehr neue Sporen dazu kommen, desto dicker wird der Pilzteppich, der sich wie eine Beatle-Frisur über unsere musikalischen Geschmacksnerven stülpen.
«Die Folgen sind für einen echten Musikfan verheerend.»
Ein anderes Bild fürs gleiche Phänomen: die Geschmacksnerven kommen plötzlich daher wie ein Heer von Badly Drawn Boys (man erinnere sich: der Mann mit der permanenten Kaffeewärmermütze). Die Folgen sind für einen echten Musikfan verheerend: ohne dass er wüsste, warum, ist ihm die Lust an der Musik vergangen und er hat sich in einen zynischen Sauertopf verwandelt. Er erzählt überall herum, heute sei ja nichts mehr los, alles töne gleich, Armageddon stehe unmittelbar bevor, und er habe aus gewönlich gut unterrichteter Quelle erfahren, dass der Grammo auch im Himmel von Oasis-Fans in Beschlag genommen worden sei.
U2 und Coldplay - ein toxischer Musiksud
Landfill-Indie ist eine Seuche: endlose Schrummelgitarren, Melodien, die klingen wie der vierte Wiederaufguss vom zweiten U2-Album, beziehungsweise dem Debut von Oasis, oder auch von zwei, drei Liedern auf dem ersten Libertines-Album, und erst recht vom einzigen Strokes-Song, der je etwas taugte (den Titel habe ich vergessen), ferner eine Prise Snow Patrol und ein Hauch Coldplay, voilà, fertig ist der toxische Musiksud. Ja, und wer zuviel davon abbekommt, kann im Ernst lebensmüde werden, so fantasie-, farb-, lust- und freudlos kommt der Krach daher. Und jeden Monat kommen dutzende von Landfill-Indie-Platten heraus. Dutzende, wenn nicht sogar hunderte! Wer wissen will, wie sowas tönt, braucht nur kurz ins neue Cribs-Album hineinzuhören (ja, ich weiss: seit Jahren eine Lieblingsband der englischen Musikpresse - aber: Landfill-Indie pur!). Vorsicht, nachher sogleich die Gehörgänge durchwaschen.
«Wer zuviel davon abbekommt, kann im Ernst lebensmüde werden.»
Ja, und es ist doch wieder einmal ein schönes Zeichen der Passion, mit der die Briten an ihre Musik herangehen. Nämlich, dass sie sich die Mühe nehme, selbst für eine Musik, für die nur schon das Wort «langweilig» vollauf reichen würde, einen schönen Schubladenbegriff auszutüfteln. Ein typisches Beispiel für die sachgerechte Verwendung des Begriffes war letzte Woche in der Tageszeitung The Guardian zu finden: Jahrelang habe man die Maccabees als eine typische Landfill-Indie-Kombo angesehen, seit ihrem letzten Album aber habe sich der Eindruck mächtig geändert. Kurzum: der Nutzen des Begriffes für jede Stammtischkonversation über Musik ist leicht zu erkennen. Hoch lebe denn der neuesten Musiktrend: Landfill-Indie - der Begriff, nicht die Musik!
Zum Schreiben dieser Kolumne habe ich gehört: Citizens!, «Here We Are» (Kitsuné).
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