Depesche aus London: Zorn und Freuden im Lokalpub
Was ist Live-Musik wert? Für die meisten Pubbesucher weniger als ein Pint Bier.
Eugene McGuinness ist ein schlaksiger Bleichschnabel mit messerscharfen Bügelfalten in den Hosen und sauber nach hinten geölter Frisur. Ein bisschen rockabilly-mässig sieht er aus. Er könnte ein Ex-Mitglied der Cramps sein oder seine Platten auf dem edlen Berner Post-Garagebilly-Label Voodoo Rhythm verlegen. Tut er aber nicht. Vielmehr besuchte er artgetreu die von Paul McCartney gesponsorte Liverpooler Musikschule LIPA, da habe er indes gar nichts gelernt, was ihm heute etwas nütze, meint er. Zum Plattenvertrag sei er gekommen, weil jemand beim Plattenlabel «Domino» seine MySpace-Seite besuchte und sich dann ans Telefon hängte.
Wie alles begann
Eugene war damals gerade vom Einkaufen gekommen, neben Pizza und Orangensaft hatte er auch eine Franz Ferdinand-CD gekauft. Die Dame am Telefon hatte gefragt, ob er von «Domino Records» gehört habe. Gerade hätte er mit «nein» antworten wollen, da sei sein Blick auf die brandneue Franz Ferdinand-CD gefallen. Seither sind ein paar Jahre verstrichen. Ein Debut-Album und einige Vinyl-Only-Releases liessen erkennen, dass Eugene fleissig Songs schrieb. Dann war er sich trotz seiner songschreiberischen Ambitionen auch nicht zu schade, der Band von Miles Kane als Gitarrist beizutreten. Nein, präziös ist dieser Eugene McGuinness nicht.
Keine Spur von Studio-Schummelei
«Invitation to the Voyage» heisst seit offizieller zweiter Schlag. Wow! Nicht leicht einzuordnen: die Wurzeln im Britpop der Sixties-Prägung sind klar herauszuhören. Aber Eugene mischt auch Loops und Synthies zwischen die Gitarren, zitiert Reggae-Hits und «Pink Panther» und serviert einen äusserst munteren Cocktail von Ohrwurm-Refrains, verpackt in eine Bombenproduktion, die trotz den dick aufgetragenen Sounds nie ins Bombastische kippt. Wie gesagt: wow!
Eine Bomben-Produktion, die nie ins Bombastische kippt. Wow!
Ich treffe Eugene im Karaoke-Zimmer des Old Queens Head-Pub in Islington, wo er später ein Gratiskonzert gibt. Das Album wurde von Clive Langer produziert (Elvis Costello, Madness uvm). Der habe ihm schön die Ohren gestreckt, berichtet er. Es sei das erste Mal in seiner Karriere gewesen, dass ihm jemand so richtig kritisch an den Karren gefahren sei. Am Anfang habe er Mühe gehabt, das zu akzeptieren. Dann habe er erkannt, wie viel er hier lernen könne. Eugene singt übrigens auch live wie ein Herrgöttchen: daran hatte ich zu zweifeln gewagt. Ich hatte halb befürchtet, dass die spitzbübische Glockenstimme vom Album auch ein bisschen ein Studiotrick ist. Mitnichten!
Das Pub und die Bands
Der Musiksaal im ersten Stock des Old Queens Head ist eine Perle unter den Londoner Konzertlokalen. Nur schon der Kronleuchter ist den Besuch wert. Abgewrackte Sofas so gross wie ein Bentley, wacklige Tischchen aus den Fifties und allerhand Kitsch an den Wänden schaffen Ambience. Ein Raum, in dem nach dem Auftritt alle Anwesenden miteinander ins Gespräch kommen. Übrigens war auch die Vorband grossartig, The Shutes, extra eingefahren von der Isle of White - psychedelisch, intensiv, ein Hauch Black Angels. Ach, und der Gitarrist von Eugene McGuinness lässt mitteilen, dass seine eigene Band, Swanton Bombs, auch nicht ohne sei.
Gratis, aber doch nicht ganz
So viel zum vergnüglichen Pub-Abend. Am letzten Sonntag erlebte ich aber einen wesentlich unfreundlicheren Aspekt von Pub-Musik. Ich besuche praktisch jeden Sonntagabend mein Lokalpub «The Prince of Wales» in der Willesden Lane, Kilburn. An jenem besagten Abend kommt eine lockere Gruppe von gestandenen Studiomusikanten zusammen, deren Palmarès von Annette Peacock über Ali Campbell bis Stevie Winwood reicht. Hier spielen sie rein zum eigenen Vergnügen. Um die zehn Leute stehen auf der Bühne, Funk, Jazz, Soul und Reggae gehen süffig ineinander über, die Soli sind erste Sahne, das Vergnügen bei allen Anwesenden riesengross.
Die ganze Sache ist erst noch gratis - und damit kommen wir zum springenden Punkt.
Die ganze Sache ist erst noch gratis - und damit kommen wir zum springenden Punkt: gratis, aber die Band schätzt es, wenn man ein paar Lösli kauft zu je £1, damit kommt ein bisschen Benzingeld für die Anfahrt zusammen. Diesmal sah ich mich unversehens mit der Aufgabe betraut, selbige Lösli zu verkaufen. Heissa, habe ich mich echauffiert!
Knausrige Konzertgäste
Kaum jemand war gewillt, für die Musik, die er mit breit grinsendem Gesicht genoss, mehr als ein schäbiges Pfündchen zu bezahlen! Ein Pfund! Das sind derzeit etwa sFr. 1.65! Weniger als ein Drittel von einer Pint of Guinness! Für drei Stunden live-Musik. Fünf Pfund müsste das doch allermindestens wert sein.
Ich war empört. Bin es immer noch.
Dabei kam es nicht im Geringsten drauf an, wer wieviel Zaster im Portmonnaie hatte: Leute, von denen ich sehr gut weiss, dass sie mehr als anständig verdienen, wollten auch nur ein Pfund herausrücken. Ich war empört. Bin es immer noch. Musikanten sollen ein Leben lang üben und dann quasi für Almosen auftreten? «So ist das eben», lachte der Band-Leader, als ich ihm meinen Frust klagte.
Zum Schreiben dieser Kolumne habe ich gehört:
Eugene McGuinness, «Invitation to the Voyage» (Domino/Musikvertrieb)
Hanspeter Düsi Künzler
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