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Donnerstag, 7.6.2012

Depesche aus London: Die Sache mit den lebendigen Legenden

Alle paar Monate entdecken die Briten einen in Vergessenheit geratenen Helden der Musikgeschichte wieder. Meistens legen sie bei den Ausgrabungen erstklassigen Geschmack an den Tag. Neuster Nutzniesser dieser Bemühungen: Wilko Johnson.

Er sieht nicht nur auf Fotos so aus, auch live sind seine Augen unheimlich: Wilko Johnson.

Wilko Johnson ist offiziell zum «National Treasure» erhoben worden. Wilko hält seine Gitarre wie ein Maschinengewehr, starrt wie ein tollwütiger Hund und bewegt sich mit einer Art Seitwärts-Moonwalk hin und her. Seinen Status als historische Grösse hat er der Tatsache zu verdanken, dass er die Band Dr. Feelgood mitbegründete. Die Feelgoods kamen Mitte 70er-Jahre aus dem Nichts. Genauer: aus der schrillen Halbwelt von Canvey Island, einer legendärerweise russigen Rummelplatz- und Industrie-Insel im «Themse-Delta», wo Working Class-London am Weekend das Tanzbein zu schwingen pflegte. In einer Zeit, als bombastische Prog-Rock-Orgien und Arena-Shows Elton John'scher Prägung das Popgeschehen dominierten, besannen sich Dr. Feelgood auf den Rhythm & Blues zurück, der schon die frühen Rolling Stones beseelt hatte.

Vom Rhythm & Blues zum Punk
Nur war Dr. Feelgood lauter, härter und aggressiver. Sie waren der Start zur Anti-Pomp-Bewegung, die über den Pub-Rock von Ian Dury, Nick Lowe, Wreckless Eric und etlichen Anderen zum Punk führte. Die Nation wusste es zu verdanken: zum Erstaunen der Plattenfirma landete ihr Live-Album «Stupidity» tatsächlich an der Spitze der englischen Popcharts. Wenig später wurde Wilko aus der Band herausgeworfen. Er landete kurz bei Ian Dury & The Blockheads und tourt seither eher am Rande des Geschehens mit eigenen Bands (eine Version von Dr. Feelgood tourt noch heute auf der ganzen Welt, aber kein Originalmitglied ist dabei - Sänger Lee Brilleaux verstarb 1994).

Auf einmal omnipräsent
Der grandiose Dokumentarfilm «Oil City Confidential» von Julien Temple (der schon «The Great Rock'n'Roll Swindle» mit den Sex Pistols drehte) erinnerte die vergessliche Popwelt vor zwei Jahren an die Qualitäten von Dr. Feelgood. Jetzt ist die «Autobiographie» von Wilko Johnson erschienen, und Wilko ist in den Medien auf einmal onmipräsent. Ein grosses Bild von ihm war neulich sogar in der gehobenen Tageszeitung The Guardian zu sehen, und zwar im Wirtschaftsbund zur Illustration eines Artikels über die wirtschaftlichen Probleme, die heute Canvey Island beuteln.

Eine zwiespältige, chaotische Lesung
So trabte ich denn am verregneten Sonntag nach Stoke Newington ans lokale Literaturfestival, wo Wilko - so wurde versprochen - Anekdoten aus seinem Leben erzählen und mit seiner Band noch ein paar Lieder zum Besten geben würde. Versammelt war ein supercooles Publikum, jung, alt, alle wohl irgendwie künsterlische Ambitionen pflegend. Und so fing Wilko denn zu erzählen an, wedelte dabei mit den Fingern wie ein von Ameisen geplagter Derwisch, liess seine Augäpfel teleskopisch aus- und einfahren, und zupfte statt Punkten und Ausrufezeichen stellmesserhafte Akkorde auf der Gitarre.

«Er wedelte dabei mit den Fingern wie ein von Ameisen geplagter Derwisch»

Die versprochene Band fehlte ebenso wie ein Ablaufplan für Wilkos Ausführungen. Nach vierzig Minuten (von geplanten fünfundvierzig) war er immer noch erst ein Teenager. Der Split von der Band («Ich weiss nicht mehr, was den Ausschlag gab») und Anekdoten über Ian Dury dauerten dann nochmals eine gute halbe Stunde, ehe noch eine kurze Frage-und-Antwort-Runde mit der Co-Autorin des Buches und dem MC folgte. Es herrschte Chaos.

Dazu kommt noch, dass Wilko, mit Verlaub, nicht der geborene Raconteur ist. Er lacht selber am lautesten über seine Witze - und zwar ehe er sie erzählt hat. Die Pointen hat er oft vergessen, und wenn sie fällig wären, ersetzt er sie mit einem trockenen, «anyway, and then we went away...» Das Buch hinterlässt um ehrlich zu sein einen ähnlich zwiespältigen Eindruck. Die Erzählungen - wortwörtlich abgetippt, offenbar - wiederholen sich oft, machen aus einer mückenhaften Anekdote einen Elephanten. Dafür sind die Bilder unglaublich toll, geben die Atmosphäre grossartig wider, welche England in den 70er Jahren prägte. Alleine deswegen bin ich froh, es gekauft zu haben.

Trotz allem: eine echte Freude
Natürlich freut es mich very much, und finde ich es nur gerecht, dass auch Dr. Feelgood und Wilko Johnson wieder ins Gespräch gekommen sind. Dennoch stellt sich die Frage, woher dieses schöne britische Phänomen kommt, ExzentrikerInnen von damals - von Nick Drake über Vashti Bunyan, Robert Wyatt, The Slits bis hin zu Kevin Coyne (eine grosse Sammel-Box mit nie gehörten Ur-Aufnahmen kommt im Juni ins Haus!) aus der Versenkung zu holen und einer Neueinschätzung zu unterziehen. Auf keinen Fall ist es nur Nostalgie.

«Die Lust an der Archäologie liegt in der Eintönigkeit des digitalen Musikvertriebs begründet»

Wie bei Dr. Feelgood wirken die meisten solchen Wiederausgrabungen frisch, wie am Tag, an dem sie geboren wurden. Ich glaube, die Lust an der Archäologie liegt in der Eintönigkeit begründet, die mit dem digitalen Musikvertrieb einherkommt. Alles klingt irgendwie gleich - auch wenn es ganz anders klingt. Please, ich gehöre nie und nimmer zu denen, die sagen, die heutige Musik sei langweilig! Ich meine aber, dass ich bei den meisten «Exzentrikern» von heute herausspüre, dass die Exzentrizität nicht ganz organisch erzeugt, sondern auch ein bisschen gespielt ist. Denn man weiss ja heutzutage auch im hintersten Tal von Schottland, wie die Medien so funktionieren (mein Paradebeispiel: CocoRosie). Und deswegen war der Auftritt von Wilko Johnson trotz aller Ärgerlichkeit eine echte Freude: hier machte einer wahrhaftig keinen Kompromiss mit den guten Manieren marktgerechter Präsentation!

Wilko Johnson (with Zoe Howe), «Looking Back At Me»

Zum Schreiben dieser Kolumne habe ich gehört: Dr Feelgood, "Stupidity+" (EMI).

Hanspeter «Düsi» Künzler

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