Depesche aus London: olympische Schweizer Musikanten mit unprofessionellen Band-Biografien
Boy haben in London die Passanten begeistert, sagt unser Mann vor Ort.
Unsereins lässt keine Gelegenheit aus, sich auf Kosten anderer Leute an Canapés und Rotwein zu laben. Gestern zum Beispiel gab's Aelplermagronen sowie Lachsrollen mit weissem Schaum drin, feine Pralinés und Mini-Zitronenküchlein. Und die Musik war auch nicht schlecht. Zuerst die formidable Brandy Butler mit Posaune und Gitarre, dann die heiter-melancholisch säuselnden Boy. Der Ort: das olympische House of Switzerland in London, eingeklemmt zwischen Southwark Cathedral und der Themse. Und siehe da: es hatte sogar Publikum! Der ganze Hof war voll, und allerhand zufällige Passanten blieben auch hängen. Es ist in der Tat nicht selbstverständlich, dass Engländer ausländischer Musik zuhören, wenn sie nicht aus der Schublade «World Music» kommt. Warum hat die Ländlerszene diese Marktlücke noch nicht erkannt?
Kontakte fürs internationale Geschäft
Für unsereins war neben der Bühne eine VIP-Zone abgesteckt. Zu den VIPs zählten diverse Manager, Agenten und Promoter, welche von der Stadt Zürich in einer wohldurchdachten Aktion in Zusammenarbeit mit lokalen, britischen PR-Leuten mobilisiert worden waren. Boy, Rusconi, The Legendary Lightness, Evelinn Trouble, Nik Bärtsch's Ronin, Yves Theiler, Ingrid Lukas und My Heart Belongs To Cecilia Winter sind nämlich nicht zum Aussichtgeniessen nach London geflogen worden.
«Kontakte: ohne sie läuft da nichts.»
Es sollten Kontakte fürs internationale Geschäft geschaffen werden, was der Stadt Zürich wiederum die Möglichkeit gibt, sich auf dem globalen Coolheits-Parkett als Metropole des Kulturschaffens darzustellen. Jaja, Taktik und Strategie ist alles im modernen Konkurrenzkampf der Kultur! Kontakte: ohne sie läuft da nichts. Wenn man niemanden kennt, rutscht das liebevoll zusammengestellte Päckchen mit Demo-Tape, Band-Biografie und in einem Anflug von Charme beigelegter Toblerone im Grossraumbüro von «Idiot Management Ltd» unaufhaltsam und ungehört Richtung Recycling-Box.
Klischees und Unwichtigkeiten statt professioneller Texte
Im Verlauf der Vorbereitungen fürs Musikprogramm von Zürich im Olympiahaus kam mir die Aufgabe zu, einheitliche Biografien für die ca. zwanzig teilnehmenden Künstler zu schreiben. Zuerst bekam ich das Material zugeschickt, dass diese selber zubereitet hatten. Oh weh! Von zwanzig Biografien waren etwa drei tatsächlich professionell gemacht. Der Rest erging sich in Klischees, Unwichtigkeiten, peinlichen Versuchen, ein lässiges Image zu projezieren und nutzlosen Informationen, welche den allenfalls noch geneigten englischen Leser mit Sicherheit Richtung Papierkorb getrieben hätte.
«Das Musikgeschäft ist bestechlich.»
Also, liebe Möchtegern-Englandreisende: vor dem Verfassen von Material, mit dem man bei den abgebrühten britischen Profis andocken möchte, unbedingt zuerst Informationen einholen, wie eine gute Band-Bio und ein gluschtig machender (aber nicht blufferischer) Pressetext aussieht. Ansonsten ist die Verbindung zusammengebrochen, noch ehe sie eingeklinkt worden ist. Es wird sich zeigen müssen, ob das Experiment «Zürich Sounds» in London greifbare Resultate bringt. Auf jeden Fall ist das Händeschütteln, Schwätzen und Kartenaustauschen bei feinen Canapés eher erfolgversprechend als ein schönes Päckchen, ins Nirgendwo geschickt. Denn das Musikgeschäft ist bestechlich. Manchmal reichen schon ein Pub und ein Bier (wie diese Geschichte neulich bewiesen hat).
Zum Schreiben dieser Kolumne habe ich gehört:
Peggy Sue, «Play the Songs of Scorpio Rising».
Hanspeter Düsi Künzler
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