Depesche aus London: Sportliche Schweizer Musiker auf dem Präsentierteller im House of Switzerland
The Legendary Lightness konnten mit ihrem Auftritt im House of Switzerland punkten. (House of Switzerland)
Eigentlich sah die Ausgangslage ja nicht besonders gut aus für The Legendary Lightness. Die Sonne schien, auf der TV-Videowand links von der Bühne flogen knackige Beach Volley-Ball-Hintern durch die Luft, der Duft von Bratwürsten und Raclette driftete über den Platz, und das Bier hatte schon prächtig für Festzelt-Holdrio gesorgt.
Fast glaubte man, Angst haben zu müssen um die stillen Harmoniegesänge und die repetitiv hypnotischen und unterspielten Lieder des Zürcher Quartettes. Die Musikanten schlichen denn auch ziemlich diskret an ihre Plätze. Immerhin trug der gänzlich untrendig daherkommende Dominik Huber mit seinem kuriosen Käppi und seinem super-altmodischen Wurlitzer-Oergelchen ein verschmitztes Grinsen auf dem Gesicht. Einerseits schien dieses ein gesundes Amüsement über die surreale Situation auszudrücken, andererseits auch ein gewisses Selbstvertrauen schien, dass man sich davon nicht ins Bockshorn jagen liesse.
Das erste Set verlief schon mal weit besser, als zu erwarten gewesen war. Nach einer Weile drehten sich immer mehr Köpfe von den Biertischen Richtung Bühne, um sich von den feinen Liedern einspinnen zu lassen. Noch bemerkenswerter war indes die Reaktion in der VIP-Loge.
«Ich habe bis heute nicht gewusst, dass es überhaupt Bands gibt in der Schweiz.»
Die beiden Herren vom Web-Magazine Drowned in Sound, die sich vorher in der arroganten Art ihrer englischen Zunftgenossen desinteressiert an die Wand gelehnt und wenig Interesse an einer Konversation mit Ausländern gezeigt hatten, wurden plötzlich still und traten an den Bühnenrand. «Ich habe bis heute nicht gewusst, dass es überhaupt Bands gibt in der Schweiz», hatte der eine Herr so nebenbei mal zu mir gesagt, ehe er sich wieder dem viel interessanteren Kumpel zuwandte. Am Anfang hatten sie noch versprochen, die Veranstaltung nach zwanzig Minuten zu verlassen. Dann blieben sie auch noch fürs zweite Set.
Am Schluss stiessen die Musikanten noch immer keine olympischen Triumphfäuste in die Luft.
Und dieses zweite Set von The Legendary Lightness war eine richtige Offenbarbung. Die Sonne war am Sinken, der Vorhang hinter der Bühne war beiseite gezogen worden, man sah die Skyline von London, es gab ein bisschen Trockeneis – und die Band lief zu ganz grosser Form auf. Noch erstaunlicher: das Publikum hörte zu. Trotz Bratwürsten und fortgeschrittener Trunkenheit versammelten sich immer mehr Leute vor der Bühne, und immer mehr zufällige Passanten drängten sich auf den Platz. Am Schluss stiessen die Musikanten noch immer keine olympischen Triumphfäuste in die Luft. Aber sie gönnten sie sich ein verschmitztes Grinsen, wissend, dass sie verdammt gut gewesen waren, aber wohl auch ein bisschen erstaunt darüber, wie begeistert – ja, begeistert! – das Publikum reagiert hatte.
Dieses hatte ja zum grössten Teil gar nicht damit gerechnet, dass es in den Genuss eines Live-Konzertes mit subtil gesponnenen Gitarrenteppichen und dem gelegentlichen Einsatz eines Xylophon kommen würde. Selbst die englischen Profi-Kritiker waren auch zum Schluss noch da und zeigten sich hingerissen. Kein Zweifel: die letzte, euphorische halbe Stunde dieses Auftrittes war so ziemlich konkurrenzlos der schönste olympische Moment überhaupt.
Zum Schreiben dieser Kolumne habe ich gehört:
The Legendary Lightness - «Ancient Greek Breakfast Club» (Ankerplatten)
Hanspeter Düsi Künzler
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