Religionslandschaft Schweiz im Umbruch
(Keystone)
von Christa Miranda
Diese statistischen Erhebungen spielen in vielen gesellschaftlichen und religiösen Debatten eine gewichtige Rolle. Sei es in den Diskussionen um die Migration, um Minarette, um Kirchensteuern, um Präsenz christlicher Symbole in der Öffentlichkeit, oder um das (christliche?) Selbstverständnis der Schweiz schlechthin.
Einmal wird behauptet, die Zahl der Muslime in der Schweiz wachse dramatisch an, ein andermal sei die Mehrheit der Schweizer sowieso keiner Kirche mehr zugehörig. Nach den neuesten Erhebungen zur Schweizer Bevölkerungsstruktur des Bundesamtes für Statistik sind beide Aussagen schlicht falsch.
Noch immer klare Dominanz der christlichen Konfessionen
Die Zahl der muslimischen MitbürgerInnen ist in den letzten 10 Jahren nur leicht gestiegen, und zwar um 0.9 Prozent auf bloss 4,5 Prozent. Und eine klare Mehrheit von 69% der Wohnbevölkerung in der Schweiz gehört noch immer einer der christlichen Landeskirchen an.
20 Prozent Konfessionsfreie
Die augenfälligste Schlagzeile der neuen Erhebungen lautet: Jeder fünfte Bewohner der Schweiz ist konfessionsfrei. Der Anteil derer, die sich keiner religiösen Gemeinschaft zugehörig fühlen, hat sich innerhalb der letzten 10 Jahren fast verdoppelt: von 11,11 Prozent auf 20,1 Prozent.
Junge, gut ausgebildete Städter
Die Zunahme der Konfessionsfreien ist in den beiden Stadtkantonen und in den Regionen der Nord- und der Westschweiz am grössten. Die Konfessionsfreien sind überdurchschnittlich gut ausgebildet. Unter den Seniorinnen und Senioren ab 65 Jahren gibt es viel weniger Konfessionsfreie als in der Gesamtbevölkerung (nur 11,3 Prozent). Dennoch sind die «Konfessionslosen» keine einheitliche Gruppe. Es sind keineswegs alles dezidierte Freidenker, nur wenige unter ihnen lehnen Religionen strikte ab.
Religiöse Zugehörigkeit wird hinterfragt
Ihre religiöse Überzeugung machen heute viele Menschen mit sich selber aus, mit der Familie, den PartnerInnen, den Freunden. Anregung finden sie in Büchern, Zeitungen, Filmen, den neuen Medien (ab und zu in den Sendungen der 'Sternstunden', 'Blickpunkt Religion' und den 'Perspektiven'), und ja, auch in heiligen Schriften. Viele haben bereits im Elternhaus keine starke religiöse Prägung erhalten. Ob katholisch, reformiert oder humanistisch erzogen, die Tradition, aus der man stammt, wird kritisch hinterfragt, und das ist gut so.
Säkulare Konkurrenz
Der Schweizer Religionssoziologe Jörg Stolz hat schon 2009 (SteStu Religion: Religionen in der Schweiz - Fakten und Trends) darauf hingewiesen, dass nicht so sehr die religiöse Konkurrenz - das heisst die Angebote anderer Religionsgemeinschaften - zu Kirchenaustritten führt, sondern die «säkulare Konkurrenz». Die Verlockung also, ganz ohne Kirchenbindung (und ohne Kirchensteuer) zu leben.
Herausforderung für die Landeskirchen
Die Kirchen sind aufgefordert, ihre Präsenz in der Õffentlichkeit wahrnehmbar zu machen, sich einzumischen, sich dem Vergleich mit anderen Weltanschauungen, auch mit humanistischen und atheistischen Positionen, zu stellen. Oder, wie sich der Soziologe Hans Joas kürzlich (NZZ a.S. 1.7.2012) ausdrückte: «Die Beweislast tragen die Gäubigen. Sie müssen begründen, warum sie gläubig sind.» Das kann auch eine Chance sein.
