Israel: Ein Staat, der Christenherzen bewegt
«Jerusalem in der Stille dienen» - dieses Motto begleitete die Basler Pilgermission zur Mitte des 19. Jahrhunderts ins Heilige Land. Pfarrer und Diakonissen bauten Schulen und Kinderheime, Missions- und Krankenstationen. Der christliche Schweizer Ökonom Johannes Frutiger etwa finanzierte in Jerusalem den Bau ganzer Stadtviertel und legte den Grundstein für die erste Eisenbahnlinie von Jaffa nach Jerusalem. Dies sind nur einige wenige Beispiele für christliche Aufbauleistungen im damals noch sehr «wüsten» Land.
Die Motivation dieser Christinnen und Christen war missionarisch-millenarisch: Damit ist der vor allem unter Protestanten verbreitete Glaube gemeint, dass die Rückkehr der Juden zum Zion, also ins Land Israel, und deren anschliessende «Bekehrung» zum Christentum das Gottesreich näher rücken würde, dass dann also Jesus als Christus wiederkehren und sein Friedensreich für alle Menschheit und Zeit errichten werde. Dafür wollten pietistische Christinnen und Christen im 19. Jahrhundert schon einmal im Lande vorbauen. Und als dann ab den 1880er Jahren immer mehr Jüdinnen und Juden nach Zion zurückkehrten, sich der Zionismus formierte und jüdische Massen in Richtung Palästina zu bewegen begann, war das für viele fromme Christinnen und Christen Anzeichen dafür, dass Christus nicht mehr fern sein könne.
Unterstützt wurden sie damals vom deutschen Kaiser Wilhelm und seiner Frau Auguste Victoria, «Kirchen-Guste» genannt. An sie erinnern bis heute markante Bauten in Jerusalem. Im Engagement des Kaiserpaares mischten sich religiöse und politische Interessen am Heiligen Land. Denn auch Briten und Russen pflanzten sich repräsentativ ins Stadtbild. In Jerusalem entwickelte sich eine regelrechte Missionskonkurrenz: Franziskaner luchsen Orthodoxen Gläubige ab, Protestanten tauften erfolgreich Muslime und Juden. Beispielhaft war der innerchristliche, teils gewalttätige Streit um die Grabeskirche in der Jerusalemer Altstadt (Bild oben): er spiegelt den konfessionellen Zwist genauso wie den politischen Machtkampf der jeweiligen Hegemonialmächte.
Ein Staat, viele Ansprüche
Dass
sich auf und um Jerusalemer Erde die Weltmächte im Kleinen streiten, wie sie es
auch im Grossen tun, scheint leider eine historische Konstante dieser Gegend zu
sein: von den Persern angefangen bis hin zur Ost-West-Problematik des 20. Jahrhunderts
oder jetzt, da sich die USA als Schutzmacht Israels postulieren. (Ob sie das
tatsächlich sind, vermag ich nicht zu entscheiden.) Jedenfalls aber gilt der
Staat Israel heute als Exponent des Westens in der Arabisch-Muslimischen Welt.
Von ihm wird nun säkular-politisch erwartet, die Fahne der Menschenrechte,
Demokratie und Freiheit im Orient hochzuhalten. Israel wird hier also wiederum
prophetisch in Anspruch genommen, meine ich, nur mit säkularen Visionen.
Auch im Säkularismus unserer westlichen Staaten bleibt also die Bezogenheit auf Zion bestehen, projizieren sich Hoffnungen wie Ansprüche auf dieses Land und seine Bürgerinnen und Bürger. Das zeigt sich auch in den Leserbriefspalten unserer Tages- und Kirchenzeitungen. Wer sich hier alles berufen fühlt, über Israel auszurufen, welche Emotionen da hoch kochen, das ist doch immer wieder erstaunlich. Und auch dieser Artikel wird einiges Tohuwabohu hervorrufen, da wette ich mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser. Mit der tatsächlichen ökonomischen und strategischen Bedeutung des kleinen Ländle, was in seiner Fläche nur rund die Hälfte der Schweiz ausmacht, kann dies nur zum kleineren Teil zu tun haben. Was dieses Land in unseren Gesellschaften und Herzen eben viel viel grösser macht, sind seine Geschichte und Verheissung, die sich in der schwierigen Realexistenz Israels freilich nicht einlösen können!
Europa und Israel: Eine vorbelastete Beziehung
Was
Israel in unserer europäischen Wahrnehmung zusätzlich belastet, ja, zum
moralischen Schwergewicht macht, ist die europäisch-christliche Schuldgeschichte:
der zähe christliche Judenhass, Jahrhunderte der Diskriminierung, Verfolgung
und Ermordung von Jüdinnen und Juden, die in der Schoah ihr schlimmstes Ausmass
hatte. Der Holocaust ist denn auch eine Begründung dafür, warum es diesen Staat
Israel als jüdischen Rettungshafen braucht. Unsere
postchristlichen Gesellschaften sind also doppelt mit Israel «verhängt»:
schuldgeschichtlich und verheissungsgeschichtlich. Beides wäre schon einzeln zu
viel für einen realen Staat.
Einen überhohen Anspruch an ihren Staat Israel formulierten die Zionisten allerdings selbst. Sie waren überzeugt, einen gerechten Staat erschaffen zu können, in dem sich frei, gleich und friedlich würde leben lassen, ja, und in dem es Juden nun endlich besser machen würden als ihnen selbst bis anhin in der Welt widerfahren. Auch dies war ein uneinholbares Ideal. Aber auch Christen faszinierte dieses Ideal: nach 1945 kamen christliche Jugendliche mit der «Aktion Sühnezeichen» zur Mitarbeit in die Kibbuzim, um hier ein klein wenig von der untilgbaren Schuld ihrer Eltern und Grosseltern abzuarbeiten. Israel kam geradezu in Mode, und das Orangenpflückerlied «Schalom Chaverim!» steht heute im Kirchengesangbuch. Ab 1945 begannen Christinnen und Christen auch theologisch ihre «jüdischen Wurzeln» wieder zu entdecken. Die Ergebnisse dieses ersten echten christlichen-jüdischen Dialogs fanden Eingang in protestantische Kirchenverfassungen, die römisch-katholische Kirche vollzog mit Papst Johannes Paul II eine epochale, theologische Kehre: Der Bund Gottes mit dem jüdischen Volk bleibe unverbrüchlich und Antisemitismus ist Sünde.
Dass nun aber das Verhältnis zwischen Vatikan und Judentum, zum Staat Israel im Besonderen immer noch nicht als «normal» bezeichnet werden kann, zeigen nur die jüngsten Auseinandersetzungen um die Karfreitagsfürbitte der neu-tridentinischen Messe. Tatsächlich ist «Israel» ein verflixt mehrdeutiger Begriff geblieben: biblisch ist er, christlich-theologisch ist er und seit 60 Jahren auch noch politisch. Kein Wunder, kommt das alles zusammen und durcheinander und wirkt nicht immer segensreich. So schwingen in unseren politischen Beurteilungen Israels unweigerlich religiöse Obertöne mit. Zur Staatsgründung und am glorreichen Ende des Sechstagekrieges waren diese Obertöne noch jubelnde Hallelujas. Heute, zum 60. Jahrestag der Unabhängigkeit des Staates Israels ist dieses Halleluja heiser geworden.
Solidarität für Israel nimmt ab
Heute
laufen in einer Pro-Palästina-Demo weitaus mehr Christen mit als bei einer
Solidaritätskundgebung für Israel, zumal sich die pro-israelischen Christen
auch noch in zwei verfeindete Lager spalten: in biblizistisch-missionarische
Christen einerseits und aufgeklärte Kirchenmenschen andererseits.
Die christliche Solidaritätsfahne hat sich im politischen Wind gedreht: Für viele Christinnen und Christen sind jetzt die Palästinenser die Verfolgten, die ihre Solidarität verdienten, und Israel hingegen erntet unempathische Kritik: 'Die müssten es doch besser wissen' oder 'Ich habe mich immer für das Judentum eingesetzt, aber jetzt...' - heisst es in Leserbriefen und Gesprächen, Sätze, die ich nachgerade obszön finde, nicht nur weil sie meist aus oberflächlicher Kenntnis der Sachlage sprechen, sondern auch weil sie aus unserer bequemen Sicherheitssituation heraus formuliert werden. Über 60 Jahre herrscht bei uns ein weltweit einzigartiger Frieden und Wohlstand, - seit genau 60 Jahren kämpft Israel gleich an mehreren Fronten ums Überleben. Mich macht dieser Vergleich vor allem bescheiden.
Mit ihrer politischen Emanzipation im eigenen Staat sind die Israelis in die reale Geschichte eingetreten, in Verdrängungskämpfe, in Kriege, die immer schuldig machen, weil es «den» gerechten Krieg nicht gibt. Das verträgt sich nun aber gar nicht mit den moralischen Projektionen, die von christlicher (wie auch von jüdischer) Seite auf diesen Staat geworfen werden. Projektionen, die ich für eine Überforderung halte. Den Israelis zuzubilligen, auch nur Menschen sein zu dürfen, darin sähe ich eine echte Emanzipation von unserer Tradition, jüdische Menschen zu diskriminieren. Dies taten wir ja in zweifacher Hinsicht: in der christlichen Dämonisierung von Juden ebenso wie mit deren weltpolitisch-ethischer Überhöhung.
Und so wünsche ich mir hierzulande auch wieder mehr Empathie mit dem israelischen Volk um seiner menschlichen Selbst willen und schliesse mit dem Psalmwort, was auch als Inschrift in der lutherischen Propstei zu Jerusalem begegnet:
«Wünscht Jerusalem Glück!»
Judith Wipfler
Der Artikel ist im Magazin «kulturclub.ch» erschienen
