Depesche aus London: Nostalgiker haben nicht immer Recht
Gibt es sie noch, die kleinen Musikpubs?
Es sind gefährliche Gespräche, Gespräche mit Nostalgikern, die dich mit weit aufgesperrten Augen anblicken, wenn sie über die schöne Vergangenheit schwärmen, und nur eines von dir wollen, nämlich «total agreement».
Ich stürze mich immer wieder in die Falle, weil ich irrigerweise glaube, der Nostalgiker habe die Konversation angezettelt, weil er sich von mir ein paar Tipps erwarte, wie er seinem selbsterbauten Nostalgiekorsett entweichen könne.
Dem ist nur in den seltensten Fällen so. Meist wünschen sich die Nostalgiker nur eine Bestätigung für ihre Meinung, die sich bereits in tiefen Furchen in ihre Stirn eingefressen hat, dass nicht ihr Enthusiasmus, Neues zu finden, irgendwie eingepennt ist, sondern es schlicht nichts Neues mehr gebe, das zu finden es wert sei.
Wenn ich dem zu widersprechen wage, löst dies gewöhnlich zwei Reaktionen aus. Entweder werden die Nostalgiker regelrecht aggressiv, denn sie meinen, man wolle sich aufspielen, zeigen, dass man der Coolere sei, oder sie gar der Ignoranz bezichtige. Oder sie versinken auf der Stelle und sehr sichtbar in eine tiefe Melancholie: ja, sie haben versagt, ja, sie haben den Zeitgeist verpennt, ja, sie stehen mit einem Bein schon im Grab.
So oder so enden die Gespräche immer mit einem unguten Gefühl meinerseits. Dem Gefühl, man habe einen an sich freundlich gesinnten Menschen vor den Kopf gestossen und sei in deren Augen nun ein Angeber oder ein einfach ein gemeinder Hund.
Gerade hatte ich wieder eine solche Konversation. «Weisst Du, etwas anderes, was es auch nicht mehr gibt in London», hob der Mann mit der Begeisterung eines Ueberzeugten an, «sind die vielen Musikpubs, wo man am gleichen Abend drei, vier Orte besuchen konnte, kaum etwas bezahlen musste, einfach aufs Geratewohl hineinging und wenn's einem nicht passte, weiter wanderte».
«Aber es gibt sie doch mehr denn je!», gab ich zurück. Es ist doch eher so, dass unserereiner die Art der Musik nicht mehr so passt, die dort geboten wird - oder wir sitzen abends einfach lieber zu Hause bei einer Flasche Rotwein, als im düsteren Keller des «Slaughtered Lamb» blutjungen Folkies zuzuhören, die soeben John Martyn (oder: gerade sehr aktuell - den grossartigen Michael Chapman) für sich entdeckt haben, um mit der Begeisterung des Bekehrten nun eine ganze neue Generation anzustecken.
Stimmt schon, in meinem Plattengestell steht John Martyn gesammelt, ich brauche nicht wirklich eine Neuversion von ihm. Aber: Musik war schon immer zyklisch. Das Neue - auch Elvis, die Beatles, Blur und LCD Soundsystem - ist schon sehr oft aus einer Neuerschliessung des Alten gekommen. In dem Sinn: nur zu, liebe John Martyn-Entdecker! Kein Grund, lieber Herr Nostalgiker, über die Absenz von Neuem zu jammern.
Von wegen ausgestorbenen Musik-Kneipen: Nach einer tatsächlichen Baisse in den Jahren des Techno und der Elektronika-DJs wimmelt es davon heute regelrecht wieder. Kein Wunder auch: angesichts der Unübersichtlichkeit der Musikinformationen im Internet ist es erneut sehr wichtig geworden, sich zusätzlich zur starken Web-Präsenz einen Ruf mittels Live-Auftritten und word-of-mouth aufzubauen.
Sowieso ist Live-Musik wieder sehr viel populärer - ein Erbe einerseits aus der Schrummelband-Zeit à la Libertines, ein Symptom andererseits davon, dass Klubs mit DJs, lauter Musik und flirrenden Lichtern drastisch an Beliebtheit verloren haben. Ausserdem haben gerade die Anfängerbands erkannt, dass die Einkommenseinsbusse, jetzt, wo mit CD- und Download-Verkäufen so wenig Zaster zu holen ist, andersweitig kompensiert werden muss - eben mit Live-Auftritten zum Beispiel.
Wo suchen? Die wöchentliche Stadtzeitung Time Out gibt noch immer den besten Gesamtüberblick. Längst nicht alle Gigs sind dort allerdings aufgelistet, drum empfielt es sich, sich auch in Plattenläden wie Rough Trade (Talbot Road sowie Truman's Brewery, Brick Lane), BM (Black Music - d'Arblay Street) und Sister Ray (Berwick Street) informieren, wo immer jede Menge Flyers herumliegen.
Persönlich nervt es mich sehr, dass ich seit Wochen versuche, die sonntagabendliche Gratis-Jazz/Funk/Soul-Session mit einem Dutzend gestandener Session-Musikerr in meinem Stammpub (Prince of Wales, Willesden Lane, NW6) auflisten zu lassen - ohne Erfolg (Warum? Wohl zu altmodisch - oder von Time Out war selber noch niemand da).
Darüber hinaus informieren natürlich die Lokale selber an Ort über ihre zukünftigen Aktivitäten. Nur schon ein Spaziergang in Camden Town führt vorbei an Dublin Castle, Barfly, Proud Gallery (in der Gallerie gibt es laufend wechselnde Ausstellungen von Musikphotos, aber auch fast täglich Live-Musik mit up-and-coming-bands), Green Note, Jazz Café, Cecil Sharp House, ganz zu schweigen von den diversen Pubs auf der Strasse zwischen Mornington Crescent U-Bahnstation und Chalk Farm U-Bahnstation.
Anderswo in der Stadt: The Old Blue Last, The Lexington, Brixton Windmill, Brixton Hootananny, 93 Feet East, Ain't Nothing But Blues Bar, 12 Bar Club, Powers Bar Kilburn, The Black Heart NW1, Nambucca, etc usf. Ja, und auch der Pub-Rock der späten 70er Jahre (ein Musikstil, der R&B, Folk und Country vereinte und in der Tat ein paar grossartige Bands hervorbrachte: Juice on the Loose, Geraint Watkins & The Dominators, Brinsley Schwarz, Eggs Over Easy, Kilburn & The High Roads...), dem Nostalgiker nachtrauern lebt heute noch weiter, und zwar hier: Half Moon Putney.
Zum Schreiben dieser Kolumne habe ich gehört:
Macuso Vikovsky, «Visite Ma Tente» von Macuso Vikovsky erscheint im April 2012 (Spezialmaterrial Records; nein, nichts osteuropäisches, sondern eine CD, die mir ein Luzernern letzthin zugesteckt hat, süffig besungener Post-Rock auf Ukulelen, Mandolinen und anderen kuriosen Instrumenten gespielt, auch ein bisschen an Will Oldham und Pascal Comelade erinnernd...)
Hanspeter «Düsi» Künzler
Mehr zu den Stichwörtern:
