Schwierige Rationierung im Gesundheitswesen
Von Inlandredaktor Christian von Burg
Die Patienten werden genau überwacht auf der Intensivstation. In Raum zwei prüft eine Pflegerin das Beatmungsgerät. Ein Pfleger steckt in Raum vier eine neue Infusion. Dazwischen ein Arzt in Weiss mit grauem Haar. Daniel Scheidegger.
Er arbeitet seit einem Vierteljahrhundert hier, als Chef Anästhesie. Rationierung ist auch bei ihm ein Thema: «Es gibt sie sicher in Ansätzen. Wir könnten bei vielen Patienten noch mehr tun, als wir zurzeit tun.»
Zu wenig Personal
Soll zum Beispiel ein Todkranker noch für zehntausende von Franken operiert werden, wenn er damit nur noch wenige Tage gewinnt? Tage im Spitalbett, umgeben von zahlreichen Maschinen? Ein heikler Entscheid - ein Entscheid, den der Arzt heute zu oft ganz alleine fällt.
Für Scheidegger ist klar: «Das ist ein gesellschaftspolitisches Problem.» Nicht nur einzelne Ärzte, sondern die Gesellschaft müsse darüber diskutieren. Am deutlichsten zeige sich die verdeckte Rationierung bei den Pflegerinnen und Pflegern. Im Spital fehle immer öfter das nötige Personal, sagt Scheidegger.
Nicht unmoralisch
Die Lifttür geht auf, eine alte Frau ohne Haar wird in den Operationssaal gebracht. Sie hat Krebs. Würden alte Menschen oder Menschen mit einer seltenen Krankheit denn nicht diskriminiert, wenn im Gesundheitswesen mehr rationiert wird? «Nein», gibt sich Scheidegger überzeugt.
Wenn eine ältere Person noch einige lebenswerte Monate gewinnen könne, sei auch eine teure Operation angebracht, sagt Scheidegger. Umgekehrt lohne sich ein sehr teurer Eingriff auch bei einer jungen Person nicht, wenn klar sei, dass damit der Tod nur noch ganz wenig verzögert werde.
Die finanzielle Bewertung des Lebens und des Leidens sei in diesem Zusammenhang nicht unmoralisch, sagt Scheidegger, sie sei unvermeidbar.
Zweiklassenmedizin?
Für Scheidegger stellt sich schlicht die Frage: «Wie bremsen wir das ganze System, sodass es auch für die nächsten Generationen noch etwas hat, was wir verteilen können?» Dies habe nichts mit einer Zweiklassenmedizin zu tun. Diese bestehe schon heute: «Es gibt Leute, die können sich mehr leisten als andere.»
Für Scheidegger ist klar: Was Krankeiten nachweisbar heilen und Schmerzen lindern kann, muss für alle bezahlt werden. Über alles, was darüber hinausgehe, müsse man aber diskutieren.
Angst vor Abwahl
Scheidegger hat schon mehrere Gesundheitspolitiker auf das Thema angesprochen - aber niemand wollte das heisse Eisen anfassen. Alle hätten Angst, abgewählt zu werden, stellt der Mediziner fest.
Doch auch unter Ärzten wird die Diskussion selten geführt: «Es ist ein schwieriges Thema. Über Rationierungen will niemand offen sprechen. Leider ist auch für uns der Tod zum Tabuthema geworden.» Scheidegger hat aber auch andere Erfahrungen gemacht: «Wenn man mit den Patienten offen redet, wollen viele die medizinischen Möglichkeiten nicht bis zum Letzten ausschöpfen.» (fors;bru)
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