Teure Nahrungsmittel könnten Hungerkrise auslösen
Wegen der Dürre in den USA drohen dort massive Ernte-Einbussen, was die Preise für Grundnahrungsmittel in die Höhe treibt. (Keystone)
In den von Hunger geplagten Regionen der Welt werden Grundnahrungsmittel durch stark gestiegene Preise immer unerschwinglicher. Obwohl die jüngste Entwicklung vor allem vom Wetter bedingt ist, rechnen Experten auch langfristig mit einem weiterem Preisauftrieb. Der könnte dramatische Konsequenzen haben, warnen Hilfsorganisationen.
Massive Probleme für arme Länder
Der von der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) veröffentlichte Lebensmittel-Preisindex ist im Juli um 6 Prozent auf 213 Punkte gestiegen. Auch wenn das Barometer von seinem im Februar 2011 erreichten Höchststand von 238 Zählern deutlich entfernt bleibt, sind Entwicklungshelfer besorgt.
Denn das aktuelle Niveau des FAO-Index liegt über dem der Ernährungskrise 2008. Damals war es weltweit zu Unruhen gekommen. «Es gibt viele Anzeichen dafür, dass die hohen Lebensmittelpreise in den kommenden Jahren anhalten werden», so die FAO.
Hohe Nahrungsmittelpreise sind besonders für arme Länder problematisch, die einen Grossteil ihrer Nahrungsmittel importieren. Betroffen sind etwa Länder in Afrika. Wenn sich die Einfuhrpreise erhöhen, wird es für diese Länder schwieriger, ihre Bevölkerung zu ernähren. In vielen Familien muss dort bis zu 80 Prozent des Einkommens für Nahrung ausgegegben werden.
Schwerste Dürre seit 25 Jahren in den USA
Für den jüngsten Anstieg der Lebensmittelpreise ist vor allem das Wetter in den USA verantwortlich. Der grösste Mais- und Sojaproduzent der Welt war im Juli mit dem heissesten Monat seit Beginn der meteorologischen Aufzeichnungen konfrontiert. Etwa 60 Prozent des Landes sind von der schwersten Dürre seit 25 Jahren betroffen. Der berühmte «Mais-Gürtel», in dem der grösste Teil des Mais in den USA angebaut wird, liegt im Epizentrum der Trockenheit. Die Ernte könnte deshalb in diesem Jahr um etwa ein Drittel geringer ausfallen als geplant.
Das knappe Angebot lässt die Preise in die Höhe schiessen: Mais hat sich im vergangenen Monat um 23 Prozent verteuert. Auch die Preise für Sojabohnen und Weizen ziehen rapide an, seit Jahresbeginn haben sie über jeweils rund ein Drittel zugelegt. Denn auch in Südeuropa, den ehemaligen Sowjet-Staaten sowie in Südamerika sind die Wetterbedingungen ungünstig.
Fleischkonsum nimmt weltweit zu
Doch selbst wenn sich die Lage an der Wetterfront wieder entspannen sollte, könnte die Versorgung kritisch bleiben. Als Ursache dafür machen Experten neben steigenden Produktionskosten die steigende Nachfrage aus den Schwellenländern verantwortlich. Dort stellen sich die Menschen auf eine proteinhaltigere Ernährung um - sprich, sie essen mehr Milchprodukte und Fleisch. Wegen der dadurch steigenen Nachfrage nach Tierfutter steigen die Preise von Getreide noch mehr an.
FAO fordert Ende der Biodiesel-Produktion
Ein weiterer Grund ist die Produktion von Ethanol und Biodiesel, die hauptsächlich aus Mais, Zucker, Palmöl oder Sojabohnen hergestellt werden. Bereits hat der Direktor der FAO, José Graziano da Silva, die USA dazu aufgefordert, die Ethanol-Produktion aus Nahrungsmitteln einzustellen oder zumindest zu unterbrechen.
In den USA subventioniert der Staat die Produktion von sogenannten Biotreibstoffen, obschon inzwischen erwiesen ist, dass dadurch kaum CO2 eingespart wird. Mit anderen Worten: Die Produktion des Biotreibstoffs braucht praktisch gleich viel fossile Energie wie der Biotreibstoff dann hergibt.
Erdölpreis und Spekulanten verteuern Getreide
Zudem spielen die steigenden Energiepreise indirekt eine wichtige Rolle bei der Lebensmittelverteuerung. Denn die Kosten des Diesels und des aus Erdöl gewonnenen Kunstdüngers sind direkt an den Ölpreis gekoppelt.
Erschwerend hinzu kommt, dass Lebensmittel längst Renditeobjekte sind, auf deren Preisentwicklung viele Finanzanleger zocken. Einer grossangelegten Studie («Die Hungermacher») der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch zufolge beträgt beispielsweise der Anteil der zu spekulativen Zwecken gehaltenen Kontrakte an der weltgrössten Rohstoffbörse in Chicago 80 Prozent. Wegen der ultralockeren Geldpolitik der grossen Notenbanken rund um den Globus vagabundiert immer mehr Finanzkapital um den Globus, das unter anderem an die Rohstoffmärkte strömt. (pet, dpa)
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