Beyond: Two Souls - die digitale Ellen Page
Film oder Game? Ellen Page verwischt die Grenzen.
Legt ein Game Wert auf ein möglichst lebensechtes Figurenkabinett, dann setzte man bisher auf das sogenannte Full Motion Capturing: Ein Schauspieler spricht seinen Text ein, gleichzeitig wird die Mimik aufgezeichnet.
Danach tritt der Schauspieler auf die Special-Effects-Bühne und spielt die genau gleich Szene noch einmal. Dabei trägt er einen (meist pantomimenhaft schwarzen) Ganzkörperanzug voller Sensoren, die seine Körperbewegungen aufzeichnen. So wird zwar jede Bewegung des Schauspielers aufgezeichnet, doch sein Auftritt ist zweigeteilt. Lebensecht geht anders.
Ein immenser Aufwand
Mehr Rechenpower und technologischer Fortschitt - nicht zuletzt dank Filmen wie «Avatar» oder Peter Jackson's «Tim und Struppi» - machen jetzt aber Full Performance Capturing (FPC) möglich: Der Schauspieler spielt seine Szene nur noch einmal - Stimme, Mimik und Körperbewegungen werden gleichzeitig aufgezeichnet.
Allerdings: Aufwändig ist das Verfahren immer noch. Für «Beyond: Two Souls», das neue Game der «Heavy Rain»-Macher Quantic Dream, standen ganze 65 Kameras im Einsatz. Ein Jahr lang wurde jeden Tag gedreht, 160 Schauspieler und Schauspielerinnen kamen zum Einsatz.
Grimassieren geht nicht mehr
Und die mussten sich richtig Mühe geben: Allein auf dem Gesicht trugen sie gut 100 Sensor-Punkte, die noch das kleinste Muskelzucken aufzeichnen. Wo früher wildes Grimassieren und hölzerne Bewegungen noch durchgingen, verlangt die neue Technik nun ganzen schauspielerischen Einsatz.
Laut «Beyond»-Executive Producer Guillaume de Fondaumière scheuten auch bekannte Namen den Einsatz oder verlangten zu hohe Gagen. Doch die Wunschkandidatin für die Hauptrolle sagte zu: Ellen Page, die man aus Filmen wie «Juno» oder «Inception» kennt.
Page stand ganze vier Wochen im Einsatz, musste Unmengen von Text lernen und insgesamt ein Pensum bewältigen, das für vier Hollywood-Filme gelangt hätte.
Das Mädchen und der Geist
In «Beyond» sehen wir sie als Jodie Holmes - ein Mädchen, das eng mit einer übersinnlichen Erscheinung - einer Art Geist - verbunden ist. Der Geist beschützt sie, ist aber auch besitzergreifend und gewaltbereit.
Als Spieler begleiten wir Jodie während 15 Jahren (!), sehen sie vom Kind zur Frau werden. Und erfahren dabei, was es mit der Beziehung zwischen dem Mädchen und dem Geist wirklich auf sich hat.
Game oder Film?
Guillaume de Fondaumière verspricht eine Art interaktiven Gespengsterfilm, in dem der Spieler mit seinen Handlungen den Verlauf der Geschichte bestimmt. Und die Demo-Szenen, die an der E3 in Los Angeles und jetzt an der Gamescom in Köln gezeigt wurde, machen Appetit auf mehr.
Ob am Ende dann doch nicht nur ein aufwändig animierter Film heruaskommt, bei dem der Spieler ab und an ein Knöpfchen drücken kann (ein Vorwurf, der «Heavy Rain» öfter gemacht wurde), erfährt man im Frühling 2013 - dann soll «Beyond: Two Souls» veröffentlicht werden.
Jürg Tschirren
