Ägyptens Kopten trauern um den Patriarchen
Tausende Kopten trauern in Kairo um ihren Patriarchen. (Reuters)
Papst Shenuda III. starb am Samstag im Alter von 88 Jahren. Damit verliert die grösste christliche Gemeinde des Nahen Ostens ihr Oberhaupt. Shenouda war an Leber und Lunge erkrankt, schliesslich erlitt er einen Herzanfall, an dem er starb. Er war seit 1971 Patriarch der koptisch-orthodoxen Kirche in Alexandria.
Von Nahost-Korrespondentin Iren Meier
Aus den Kairoer Vorstädten, aus Oberägypten, aus dem ganzen Land strömen die Kopten zur Kathedrale in der Hauptstadt - zu ihrem toten Patriarchen. Shenouda III. hinterlässt eine Gemeinde, die tief verunsichert und verängstigt ist. Sie verliert nach vier Jahrzehnten ihren spirituellen Führer, der sich immer ganz direkt in die Politik einmischte.
Hausarrest unter Sadat
Shenouda kritisierte den damaligen Präsidenten Anwar el-Sadat wegen seiner Annäherung an die Islamisten und wurde unter Hausarrest gestellt. Er wehrte sich gegen die Normalisierung des Verhältnisses zwischen Ägypten und Israel und weigerte sich, Sadat nach Jerusalem zu begleiten. Das sei unmöglich unter israelischer Besatzung, sagte der Patriarch.
Anders war sein Verhältnis zum gestürzten Präsidenten Hosni Mubarak. Wohl in der Hoffnung, die grösste christliche Gemeinde im Nahen Osten zu schützen, lehnte sich Shenouda an das Regime Mubaraks an und verhielt sich loyal zum Autokraten. Das brachte ihn in grösste Schwierigkeiten, als im letzten Winter der Volksaufstand begann.
Revolution verbessert Situation der Kopten nicht
Shenouda wies die Kopten an, nicht an der Revolution teilzunehmen, allerdings ohne Erfolg. Viele Christen, vor allem die jungen, gingen ihren eigenen Weg und riskierten während und nach der Revolution ihr Leben für Freiheit und Würde. Selbst als die Militärjunta im letzten Oktober mit grösster Brutalität gegen eine Demonstration vorging und mehr als 20 Christen tötete.
Spätestens dann war den ägyptischen Kopten klar, dass die Revolution ihre Situation nicht verbessert hatte. Im Gegenteil: Regelmässig sind sie seither Ziel von Angriffen. Mehrere ihrer Kirchen wurden angezündet und zerstört - ohne dass die Täter je zur Rechenschaft gezogen wurden. Dies, obwohl alle Indizien nur in eine Richtung zeigten: zu den radikalen Islamisten, den Salafisten.
Deren Aufstieg und die Dominanz der moderateren Muslimbrüder bei den Wahlen und im heutigen politischen Leben Ägyptens veranlassen immer mehr Christen zur Emigration. Zur inneren oder zur tatsächlichen in ein anderes Land.
Islamisten bestimmen über Minderheiten
Während die Salafisten den Kopten direkt drohen, versuchen die Muslimbrüder die Ängste der Minderheit einzudämmen mit rhetorischer Beschwichtigung. Aber ausgerechnet am Tag, an dem Shenouda starb, sicherten sich die Islamisten ihren Einfluss auf die neue Verfassung.
Das von ihnen dominierte Parlament soll mindestens die Hälfte der Mitglieder stellen, welche die neue Verfassung schreiben werden. Damit werden sie auch über die Rechte und den Schutz der christlichen Minderheit bestimmen. Und diese machen immerhin zehn Prozent der ägyptischen Bevölkerung aus.
Problematische Situation im Irak und in Syrien
Dabei sehen die Kopten in Ägypten nicht nur ihre eigene Situation. Sie haben auch mitbekommen, wie viele Christen aus dem Irak vertrieben wurden und sie sehen, in welcher Lage die christliche Minderheit nun in Syrien ist.
Das säkulare aber brutale Regime von Bashar al-Assad hat sie bislang geschützt. In den Reihen der Aufständischen dominieren nun die Sunniten, unter ihnen sind Extremisten, die den Christen schon mal die Ausreise nach Libanon empfehlen, wenn sie denn überleben wollten.
Patriarch Shenouda sei in der für sie schwierigsten Zeit gestorben, sagen Gläubige in Kairo heute. Er habe sich immer stark gemacht für den Platz und die Rechte der arabischen Christen im Nahen Osten. Für ihr selbstverständliches Recht, in ihrer Heimat zu leben. (pet)
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