BBC World Service vor ungewisser Zukunft
Am Donnerstagmittag lief das letzte Bulletin von BBC World Service aus Bush House in London. Radiojournalisten verlassen das ehrwürdige Gebäude nach getaner Arbeit für immer. (Archiv Reuters)
Von Grossbritannien-Korrespondent Martin Alioth
Aung San Suu Kyi, die burmesische Oppositionspolitikerin, schwärmte anlässlich ihres jüngsten Besuchs in London von den englischen Radiosendungen des BBC World Service. Die hätten sie während ihres 15-jährigen Hausarrests bei Trost behalten.
So wie ihr ging es während eines Grossteils des 20. Jahrhunderts Millionen von Hörerinnen und Hörern in Ländern, deren Régime auf Kriegsfuss mit unparteilichen Nachrichten und Hintergründen standen. Der World Service öffnete ein Fenster zur Welt.
Jene, die aus London in über 50 Sprachen sendeten, kannten derartige Verhältnisse meist aus eigener Erfahrung: sie waren oft selbst verfolgte Intellektuelle, Künstler, Literaten. «In Bush House hast Du niemanden getroffen, der keine Geschichte hatte», sagte mir eine Kollegin, die bis zum letzten Donnerstag in Bush House arbeitete.
Inzwischen ist der World Service in Europa, Russland und China nicht mehr auf Kurzwelle zu empfangen. In Burma, Indien und anderswo schon bald nicht mehr. Die Sprachprogramme sind auf 27 geschrumpft, und auch diese sind häufig auf das Internet beschränkt. In Südindien blüht dafür das tamilische Kurzwellenprogramm der Volksrepublik China.
«Soft power»
Der World Service war eine britische Visitenkarte mit Goldrand. «Soft power», also eine Projektion dessen, was gut ist am Vereinigten Königreich; besser vielleicht als Fregatten und Bajonette.
Aber warum «war»? Schliesslich bleibt alles beim alten, bloss in neuen Büros und Studios. - Das trifft leider nicht zu. Der Umzug wurde ausgelöst durch die Zusammenlegung aller Nachrichtenredaktionen der BBC weltweit: Fernsehen, Radio, Online. 600 Leute in einem gigantischen Untergeschoss in Broadcasting House, wo die internationalen Radio-Programme der BBC vor 80 Jahren begonnen hatten.
Da gehen die bisherige Unabhängigkeit und die einzigartige Weltsicht des World Service unter. Statt Journalistinnen mit langjähriger Dossier-Erfahrung sitzen da mediale Multitalente, die einen Einheitsbrei kochen. Die mühselig erworbene Fähigkeit zu gewichten, einzuordnen, droht dem unwiderstehlichen Hunger der Sendegefässe nach unverdauter nachrichtlicher Rohkost zu weichen.
In der Hackordnung der verschiedenen Medien steht das World Service Radio nun ganz offiziell an letzter Stelle. Sie seien schon jetzt gezwungen, ihr eigenes Fernsehprogramm abzukupfern, klagte die Kollegin, und schnitten die visuellen Bezüge heraus.
Staat zieht sich zurück
Zusammen mit seiner redaktionellen Eigenständigkeit verliert der World Service auch die finanzielle Ungebundenheit: ab 2014 werden die Auslanddienste ebenfalls aus der Lizenzgebühr bezahlt, und nicht mehr vom Aussenministerium. Bis dahin müssen die Kosten um ein Viertel gesenkt werden. Dass dies nach dem Verlust der redaktionellen Eigenständigkeit geschieht, macht den Managern das Leben einfacher. Und wenn dann weitere Sparprogramme anstehen, steht der World Service bestimmt zuvorderst: denn die Gebührenzahler hören ja diese Programme kaum.
Der Verzicht auf einsatzfähige britische Flugzeugträger mag durchaus die geschrumpfte britische Weltgeltung treffend abbilden. Aber die schrittweise Zerstörung dieser nüchternen Darstellung der Welt bestätigt den inneren Rückzug noch viel schmerzhafter. (bru)
