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  • Libyens Aufbruch in eine ungewisse Zukunft:

Libyens rivalisierende Stämme

Libyens Machthaber Ghadhafi konnte sich auch deshalb Jahrzehnte an der Macht halten, weil er die Interessen der rivalisierenden Stämme geschickt gegeneinander ausspielte. Experten sind der Auffassung, dass deren Einfluss langsam schwindet.

Seinem eigenen Clan, dem in Südlibyen beheimateten Gadafa, verschaffte Ghadhafi nach Machtantritt eine Führungsrolle. Mit der Revolte gegen Ghadhafi scheint dieses System am Ende. Dass Libyen nun entlang der Stammesgrenzen zerfällt, halten Experten aber für unwahrscheinlich: Verstädterung und gesellschaftlicher Wandel haben die Bedeutung der Clanstrukturen verbleichen lassen.

In Libyen gibt es mehr als 100 Stämme, die traditionell die Ordnung der Gesellschaft prägten. Als sich Ghadhafi 1969 an die Macht putschte, verfolgte er eigentlich die Abschaffung dieser Strukturen. Seine Vision war die Dschamahirija, eine «Herrschaft der Massen», bei der sich das Volk ohne Machteliten selbst regieren sollte. Doch in Wirklichkeit wurde Libyen zu einem autoritären Staat unter Kontrolle Ghadhafis, in dem Stammeszugehörigkeiten weiter eine wichtige Rolle spielten.

Eigenen Stamm gestärkt
«Ghadhafi hat es geschafft, ein Gleichgewicht zwischen den Stämmen herzustellen», sagt Delphine Perrin, Nordafrika-Expertin am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz. Zugleich habe er die Stellung seines Gadafa-Stammes mit Geld und Waffen gestärkt. Engste Vertraute rekrutierte er auch aus zwei anderen grossen Stämmen, den Mgerha und den Hsauna.

Doch schon seit Jahren bröckelte der Rückhalt Ghadhafis bei Clans, die nicht in den engeren Kreis eingebunden waren. Als die Revolte gegen Ghadhafi losbrach, schlugen sich mehrere Stammesführer auf die Seite der Protestbewegung - unter ihnen auch der Chef der Werfalla, des mit über einer Million Menschen grössten Stammes des Landes.

Politische Konfliktlinie
Die Warnung von Ghadhafis Sohn Saif al-Islam, dass Libyen ein Bürgerkrieg zwischen verschiedenen Stämmen drohe, ist nach Ansicht der Experten nicht zutreffend. Die Konfliktlinie des Aufstandes 2011 verlief zwischen der für Reformen und Freiheit eintretenden Protestbewegung und dem herrschenden Clan - und nicht entlang der Stammesgrenzen.

Ausserdem hätten sich die gesellschaftlichen Realitäten in den vergangenen Jahrzehnten verändert. «Die Verstädterung und die gesellschaftliche Entwicklung haben dafür gesorgt, dass die Stammeschefs immer weniger Einfluss auf ihre Mitglieder ausüben», sagt der in London lebende libysche Wissenschaftler Mohammad Fadel. (ank, sda/afp)

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