In Syrien riskieren Berichterstatter ihr Leben
Foto aus Homs, Montag, 12.3.2012. Quelle: Amateur-Video, veröffentlicht vom Shaam News Network. (Keystone)
Von Fredy Gsteiger, diplomatischer Korrespondent
Kein Land ist derzeit für Journalisten gefährlicher als Syrien, sagt das Internationale Presseinstitut IPI in Wien. Rodney Pinder, Chef des News Safety Institute, bietet Kurse an für Journalisten, die sich in heikle Situationen begeben. Er ist überzeugt: «Syrien ist der gefährlichste Konflikt für Berichterstatter seit Tschetschenien.»
Assad und Rebellen verhindern unahbhängige Berichte
Zwar lädt das Regime in Damaskus ihm wohlgesonnene Leute ein, aus Deutschland etwa Peter Scholl-Latour oder Jürgen Todenhöfer. Mit ihnen trinkt Syriens Präsident Bashar al-Assad Tee und erkauft sich so ihm zusagende Berichte. Unabhängige Berichterstatter jedoch will der Diktator fernhalten oder loswerden. Wenn nötig setzt das syrische Regime dabei Gewalt ein, stellt Peter Preston fest. Er war lange Jahre Chefredaktor des britischen «The Guardian» und ist heute Chef der Guardian Foundation.
Wer trotzdem nach Syrien hineingelangt, tut das heimlich und «embedded», also unter dem Schutz der Aufständischen. Diese Journalisten haben kaum Möglichkeiten, sich frei zu bewegen. Sie sehen vorab das, was die Rebellen ihnen zeigen. Über die Seite des Assad-Regimes, über das, was in Damaskus geschieht, fehlen Berichte.
«Man darf keine Journalisten in den Tod schicken»
Für alle ernsthaften Medien ist klar: Eine gute Syrien-Berichterstattung wäre enorm wichtig. Die Frage ist jedoch: Zu welchem Preis? Peter Preston von der Guardian-Foundation vertritt eine Haltung, die auch jene des Schweizer Radios ist: «Auch wenn eine Geschichte sich lohnt, darf man Journalisten nicht in den Tod schicken.»
Es gebe kaum Chefredaktoren, die ihren Leuten einen Kriegseinsatz befehlen oder mit Karrierenachteilen drohen, sagt Rodney Pnider vom News Safety Institute. Vielmehr wollten viele Reporter hin. Sie wollten unbedingt der Welt Informationen aus gefährlichen Gebieten liefern.
«Draufgänger müssen gestoppt werden»
Das Problem aber ist: Oft bieten sich die Falschen an, um beispielsweise aus Syrien zu berichten. Es seien nicht jene mit Kenntnissen des Landes, der Sprache, der Kultur, der Geschichte, sondern junge, ehrgeizige Journalisten, denen es - zumindest auch - um ihre Karriere geht, um Bekanntheit, ja bisweilen gar um Heldentum, erklärt Pnider.
Redaktionen, in der Schweiz, in London oder sonst wo müssten unbedarfte Draufgänger daran hindern, in Kriegsgebiete zu reisen, fordert Preston. Ausserdem sei es unmoralisch, wenn - was oft geschehe - Redaktionen zwar ihre eigenen Mitarbeiter nicht ins Feuer schickten, jedoch Berichte von freien Journalisten druckten oder sendeten, für die sie sich weit weniger verantwortlich fühlten.
Bürgerjournalisten nicht unterschätzen
Weil der professionelle Journalismus in Syrien extrem eingeschränkt ist, weil auch unabhängige Beobachter, von der Uno, von Hilfsorganisationen, selbst vom Internationalen Roten Kreuz massiv behindert werden, bleiben als Quelle oft nur die sogenannten «citizen journalists», die Bürgerjournalisten. Diese stellen Blogtexte, Handyphotos und Videofilme ins Internet.
Man dürfe diese Quellen nicht generell als unbedarft, ja befangen abtun, sagte neulich auf einer Tagung Hosam al-Sokkari von Yahoo Middle East. In ihrer Gesamtheit ergäben die Informations-Schnipsel durchaus ein Bild, erklärt Sokkardi gegenüber Schweizer Radio.
Medien müssen Quellen offenlegen und prüfen
Doch auch Sokkardi fordert: «Medien müssen klarmachen, wo Zweifel an der Verlässlichkeit der Quellen bestehen.» Ausserdem gelte es, Bilder, Töne und Texte kritisch zu analysieren: Sind sie plausibel? Stimmen die Fakten? Stammen sie wirklich vom Ort, der angegeben wird? Sieht man ständig dieselben paar Gesichter von Protestierenden? Tragen Sicherheitskräfte, die Uniformen, die sie tragen müssten? So lasse sich, zwar mit beträchtlichem Aufwand, die Spreu vom Weizen trennen, ist Sokkardi überzeugt.
Auch Vertreter des klassischen, des professionellen Journalismus wie Rodney Pinder vom News Safety Institute ziehen den Hut vor der Arbeit vieler Bürgerjournalisten in Syrien. Es sei der erste grosse Konflikt, bei dem sich die weltweite Berichterstattung hauptsächlich auf Bürgerbeobachter stütze.
Doch die bloggenden, twitternden und chattenden Aktivisten können den professionellen, der Objektivität verpflichteten Blick eines Berichterstatters nicht ersetzen. Da ist sich die journalistische Fachwelt einig. (bat)
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