«Bittere Pille» für die Region Genf
In Genf verschwinden bei Merck Serono alles in allem mehr als 1300 Stellen. (Keystone Archiv)
In Genf ist die Enttäuschung gross über den massiven Stellenabbau. Für die Genfer Nationalrätin Maria Roth-Bernasconi kommt der Schliessungsentscheid «aus dem heiteren Himmel.» Sie finde dies «ziemlich dramatisch», vor allem angesichts der schon jetzt recht hohen Arbeitslosenquote in Genf, wie sie gegenüber Schweizer Radio DRS ausführte. Für Roth-Bernasconi ist nun der Genfer Regierungsrat gefordert.
Für den Genfer Staatsrat François Longchamp ist die angekündigte Schliessung des Merck-Serono-Hauptsitzes «eine traurige Nachricht für die Genfer Wirtschaft». Noch nie habe es im Kanton Genf eine grössere Massenentlassung gegeben, sagte er im Westschweizer Radio RTSun.
Die Regierung habe, nachdem sie am Montag von Merck Serono über die Abbaupläne vorinformiert worden sei, Massnahmen getroffen, damit die Arbeitsämter die zusätzlichen Arbeitssuchenden betreuen könnten.
Suche nach Alternativen
Die Arbeitnehmerorganisation Angestellte Schweiz will sich aktiv bei der Suche nach Alternativen für die entlassenen Angestellten von Merck Serono beteiligen. Einmal mehr gehe es darum, für den Verbleib von Arbeitsplätzen in der Schweiz zu kämpfen.
Die Offenheit von Merck Serono für Alternativen dürfe nicht darüber hinweg täuschen, dass versucht werde, auf Kosten der Angestellten die Rendite zu maximieren. Trotzdem sollten die Chancen genutzt werden.
Die Schliessung bei Merck Serono sei eine bittere Pille für die Branche. Es sei besorgniserregend, dass nach Huntsman und Novartis bereits ein drittes Unternehmen der chemisch-pharmazeutischen Industrie in der Schweiz einen Massenabbau von Stellen plane. Das stimme für die Zukunft wenig optimistisch.
Für den Branchenverband Interpharma ist die Schliessung ein «Rückschlag für die Forschung in der Schweiz». Der Schritt zeige, wie dringlich der von der Branche beim Bundesrat geforderte Masterplan zur Revitalisierung des Pharmastandorts sei.
Pharmastandort Schweiz verliert an Attraktivität
Der Rückschlag sei einschneidend für den Pharmastandort, zumal er vor allem die Forschung betreffe. Der Entscheid des deutschen Mutterhauses Merck sei im Zusammenhang mit dem globalen Preisdruck und mit Enttäuschungen bei der Forschungspipeline zu sehen, so Interpharma. Dass der Schweizer Standort überproportional betroffen sei, hänge aber auch mit der schwindenden Attraktivität des Pharma- und Forschungsstandorts zusammen.
Kostendruck lastet auf Pharmafirmen
Ähnlich schätzt die Situation auch DRS-Wirtschaftsredaktor Charles Liebherr ein. Zwar verkauften sich die Produkte von Merck Serono zur Zeit gut, so Liebherr. Doch die Hürden für die Zulassung neuer Medikamente seien in den letzten Jahren stetig erhöht worden. So würden von den Behörden immer mehr Wirksamkeitsstudien verlangt, diese seien teuer.
Zudem steigt der Kostendruck im Gesundheitswesen immer stärker, die Behörden sind nicht mehr bereit, für die Medikamente jeden x-beliebigen Preis zu bezahlen. Dies führt laut Liebherr zu sinkenden Margen und macht es für die Pharmaunternehmen immer schwieriger, ihre Forschungskosten wieder hereinzubekommen.
Insofern bleibe der Druck auf die Schweizer Standorte der Pharmaunternehmen gross, nicht zuletzt auch wegen des hohen Preisniveaus hier, bilanziert Liebherr.
VR-Präsident Naef macht Kostendruck verantwortlich
Einer, der sich zu dem Schliessungsentscheid äusserte, ist François Naef, der Verwaltungsratspräsident von Merck Serono. Es sei ein schwieriger Tag und die Situation sei ihm unangenehm, sagte er gegenüber der Nachrichtenagentur SDA. Naef ist nicht nur Verwaltungsratspräsidenten von Merck Serono, er amtiert gleichzeitig auch als Präsident der Genfer Handelskammer.
Merck Serono sei wie die ganze Branche dem anhaltenden Preisdruck im Medikamentenmarkt ausgesetzt, so Naef. Gleichzeitig würden die Kosten für Forschung und Entwicklung dauernd steigen. Zudem habe die Firma Rückschläge bei der Kommerzialisierung gewisser Arzneien einstecken müssen.
Das Unternehmen wende alles auf, um die Restrukturierungsmassnahmen so schmerzlos wie möglich zu vollziehen, versicherte Naef. Die entlassenen Mitarbeitenden würden bei der Stellensuche unterstützt und es gebe ein Sozialplan. (bat/pet, sda)
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